Kapitel II, Höhepunkt und Niedergang der klassischen Schule. Stuart Mül. 419
werden. Aber er beginnt schon zu unterscheiden: — in dem Bereich
der Produktion gibt es allerdings natürliche Gesetze; doch im Bereich
der Verteilung gibt es nur Gesetze, die von Menschen gemacht worden
sind, und die infolgedessen auch von Menschen geändert werden
können ')• Ei - leugnet daher formal die These der klassischen
Volkswirtschaftler, nach der die Anteile eines jeden der Teilhaber,
— Lohn, Profit und Rente —, von Notwendigkeiten bestimmt werden,
gegen die der menschliche Wille nichts ausrichten kann.
Hierdurch wird die Tür sozialer Reformen geöffnet. Dies war
nichts Geringes. Sicherlich kann man nicht sagen, daß die klassische
Schule, oder sogar die optimistische Schule die Möglichkeit oder die
Wirksamkeit jeder sozialen Reform leugnete. Man muß aber gestehen,
daß sie nur die private Tätigkeit ermutigte, oder, wenn gesetzgeberische
Maßnahmen in Betracht kommen, nur die, die darin bestehen, alte Ge
setze abzuändern. Auf dem Kongreß der liberalen Nationalökonomen
in Mainz im Jahre 1869 sagte Braun: „Unsere Kongresse haben viele
Gegner ins Feld gerufen, weil wir das Prinzip aufgestellt haben, daß
menschliche Gesetzgebung die ewigen Gesetze der Natur, die das
wirtschaftliche Leben regieren, nicht ändern kann.“ Erklärungen
dieser Art finden sich überreichlich in den französischen Büchern.
Aber dank der Unterscheidung Stuakt Mill’s ändert sich das Alles.
Denn wenn der Gesetzgeber auch den Gesetzen der Produktion ohn
mächtig gegenübersteht, so hat er doch alle Macht, um die Gesetze der
Verteilung abzuändern; und es ist unnötig, darauf hinzuweisen, daß
gerade hier sich die Kämpfe um fast alle Forderungen abspielen.
In Wirklichkeit unterliegt die Unterscheidung, die Stuart Mill
gemacht hat, sehr der Kritik, wenigstens insoweit die Ausdrücke,
in die er sie gefaßt hat, in Betracht kommen, und wenn er versichert,
daß dies „sein bedeutendster und originalster Beitrag zur Wissenschaft
der Volkswirtschaft sei“, beurteilt er seine Verdienste schlecht. Die
Produktion und die Verteilung sind nicht getrennte Kreise. Sie
gehen, und zwar fast auf allen Punkten, ineinander über. Übrigens
setzt sich Stuart Mill selbst in Widerspruch mit seiner These, da,
wie wir sehen werden, die Reformen, die er vorschlägt, Produktiv
genossenschaften oder kleinbäuerlicher Besitz, sich ebensowohl auf das
Reich der Produktion als auf das der Verteilung erstrecken. Man
') „Pie ersteren (die Gesetze der Produktion) haben einen ähnlichen Charakter,
wie die physischen Gesetze. In ihnen gibt es nichts Fakultatives oder Willkürliches ....
Für die Gesetze der Verteilung gilt aber nicht dasselbe. Sie sind nur eine mensch
liche Einrichtung .... Die Gesellschaft kann die Verteilung der Güter solchen
Kegeln unterwerfen, wie sie ihr gut dünken“ (Principles, B. II, Kap. 1, § 1).
Man weiß, daß später Karl Marx behauptet, die Verteilung werde durchaus
von der Produktion bestimmt.
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