Full text: Kritische Geschichte der Nationalökonomie und des Socialismus

191 
der rechtgläubigen Fortpflanzung der Malthus - Ricardoseben 
Oekonomie in Frage kommen. Die verkehrte Gesinnung bat 
nun aber hauptsächlich in der Feindschaft gegen den Natur 
trieb und in der Zumuthung bestanden, die natürliche Sittlich 
keit durch den Verzicht auf die Ehe zu entwurzeln. Die Ehe 
ist zu einem Luxusbedürfniss gemacht worden, dem nur inso 
weit nachzugeben sei, als es für die Bequemlichkeit der be 
stehenden Zustände am besten passt. Der Proletarier, der nichts 
als seine Proles d. h. seine Kinder besitzt, soll kein Recht 
haben, als solcher zu existiren, sondern die Arbeiterschaft soll 
sich mehr und mehr selbst decimiren. Allerdings wird auch 
in dieser Richtung eine Verbesserung in Aussicht gestellt und 
die Ehe als im Wege der Reducirungen ausführbar angesehen. 
Wir haben indessen schon oben daran erinnert, dass diese Seite 
der Sache für einen Malthus die geringste Anziehungskraft 
hatte. Es bleibt also wesentlich bei der Grundvorstellung, 
dass die geordnete Art der menschlichen Existenz in der Ge 
stalt der Familie als eine Einrichtung betrachtet wird, die den 
Rücksichten auf die vermeintlich unübersteiglichen Schwierig 
keiten der vorhandenen Missverhältnisse zu opfern sei. 
Die Verherrlichung dieser Missverhältnisse als solcher 
Thatsachen, an denen der Mensch nicht rühren könne, sondern 
in die er sich ergeben müsse, — diese Glorification ist es, 
was bei näherer Betrachtung der politisch socialen Beziehungen 
die Ansichten eines Malthus noch um den letzten Rest von 
Achtung bringen muss. Den höheren Schichten der Gesell 
schaft wurde durch diese Eegitimisirung der socialen Uebel 
unter der Maske der Naturgesetze oder vielmehr Herrgottsge 
setze ein schlechter Dienst geleistet. Dennoch müssen wir, 
nachdem wir mit der individuellen Physionomie der Sache uns 
hinreichend beschäftigt haben, auch noch daran erinnern, dass 
die Zeitumstände den Malthusschen Ideen bei deren Einführung 
in das Englische Publicum äusserst günstig waren. Die Reac 
tion stand an der Wende des Jahrhunderts in voller Biüthe. 
Die Ressentiments gegen die Französische Revolution und deren 
Folgen unterstützten ein Regierungssystem, welches selbst durch 
den auswärtigen Gang der Dinge erzeugt war. Auf diesem 
Boden, auf welchem die ungefährdete Ansichtsäusserung ein 
Monopol der Anhänger des herrschenden Regime wurde, war 
natürlich die Ernte um so leichter, je mehr die Auslassungen
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.