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Viertes Bach. Die Abtrünnigen.
Die Richtigkeit dieser Annahme vorausgesetzt, betrachten wir
einen Arbeiter, einen Lohnempfänger, der mit irgend einer Arbeit
beschäftigt ist und täglich 10 Stunden arbeitet.
Was wird der Tauschwert des Produktes seiner Arbeit sein?
10 Stunden, was auch immer dieses Produkt sei, Schuhe, Tuch, Kohle
oder irgend etwas anderes. Und da, auf Grund des Lohnvertrages,
der Arbeitgeber — der Kapitalist, wie Marx ihn stets nennt — sich
immer das Eigentum an dem Arbeiterzeugnis Vorbehalten hat, so
verkauft er dieses Erzeugnis zu seinem Wert, nämlich für 10 Stunden.
Was gibt aber der Arbeitgeber dem Arbeiter? Seinen Lohn,
weiter nichts! Was stellt nun dieser Lohn vor? Das Lohnsystem
besteht darin, daß der Kapitalist die Arbeitskraft des Arbeiters kauft,
um sie nach seinem Belieben zu verwenden. Welchen Preis zahlt
er dafür? Den Preis ihres richtigen Wertes. Dieser Wert wird nun
von demselben Gesetz bestimmt, das alle Tauschwerte regelt, und
das wir soeben formuliert haben. Die Arbeitskraft, die Arbeit, ist
eine Ware wie jede andere und ihr Wert wird in gleicher Weise
durch die zur Produktion dieses spezifischen Artikels notwendige
Arbeitszeit bestimmt ] ).
„Die zur Produktion der Arbeitskraft notwendige Arbeitszeit“
— klingt zunächst etwas erstaunlich! Für die, die am Anfang des
Studiums der MAEx’schen Lehre stehen, ist dieser Punkt der am
schwersten verständliche, und trotzdem ist er die Hauptsache, denn
alles beruht auf ihm, wie auf einem Grundstein. Und doch ist das
Rätsel nicht so schwer zu lösen. Nehmen wir an, daß es sich, anstatt
um die Arbeit eines Arbeiters, um die Arbeit einer Maschine handele;
kein Ingenieur würde es wunderbar finden, daß man ihn fragt, wie
eine Eigenschaft, die von Arbeitsprodukten ... Es (das Arbeitsprodukt) ist auch
nicht länger das Produkt der Tischlerarbeit oder der Bauarbeit oder der Spinnarbeit
oder sonst einer bestimmten produktiven Arbeit. Mit dem nützlichen Charakter der
Arbeitsprodukte verschwindet der nützliche Charakter der in ihnen dargestellten
Arbeiten, es verschwinden also auch die verschiedenen, konkreten Formen dieser
Arbeiten, sie unterscheiden sich nicht länger, sondern sind allesamt reduziert
auf gleiche menschliche Arbeit, abstrakt menschliche Arbeit“ (Kapital, B. I. S. 4,
IV. Aufl.).
l ) „Was also die kapitalistische Epoche charakterisiert, ist, daß die Arbeitskraft
für den Arbeiter selbst die Form einer ihm gehörigen Ware, seine Arbeit daher die
Form der Lohnarbeit erhält“ (Kapital, B. L, S. 133. Anm. 41, IV. Aufl.). „Gleich allen
anderen Waren besitzt sie (diese Ware: die Arbeitskraft), einen Wert. Wie wird
er bestimmt? Durch die . . . zur Produktion notwendige Arbeitszeit. Zu seiner
Erhaltung bedarf das lebendige Individuum einer gewissen Summe von Lebens
mitteln. Die zur Produktion der Arbeitskraft notwendige Arbeitszeit löst sich also
auf in die zur Produktion dieser Lebensmittel notwendige Arbeits
zeit, oder der Wert der Arbeitskraft ist der Wert der zur Erhaltung ihres Besitzers
notwendigen Lebensmittel“ (Ebenda).