Kapitel III. Der Marxismus.
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viel eine Pferdekraft kostet. Er wird, je nachdem antworten: sie
kostet 1 oder 2 kg Kohle pro Stunde, 8 oder 10 kg pro Tag, und da
der Wert dieser Kohle selber nur eine gewisse Menge Arbeit eines
Bergmannes darstellt, so ist nichts leichter, als sie, wenn man will,
in Arbeit zu werten. Unter der Herrschaft des Lohnsystems ist aber
der Arbeiter nichts anderes als eine Maschine, und soweit der Wert
in Betracht kommt, unterscheidet sich die Arbeit des einen in nichts
von der Arbeit der anderen. Der Arbeitstag oder die Arbeitsstunde
eines Menschen kostet diejenige Menge von Subsistenzmitteln, die
nötig sind, um einen Arbeiter während eines Tages oder einer Stunde
im Zustande der Produktionsfähigkeit zu erhalten. Jeder Arbeitgeber,
der mit Naturalien entlohnte Arbeiter beschäftigt, was bei landwirt
schaftlichen Arbeiten noch vorkommt, weiß sehr wohl diese Rechnung
aufzumachen; genau dasselbe tritt in dem Falle ein, wo der Lohn
in Geld gezahlt wird, da das gezahlte Geld nichts weiter als die
Kosten dieser Subsistenzmittel vorstellt.
Gehen wir nun einen Schritt weiter. Der Wert der zum Unter
halt irgend einer Arbeit notwendigen Subsistenzmittel ist niemals
dem W T erte des Erzeugnisses dieser selben Arbeit gleich. In dem
Beispiel, das wir gewählt haben, wird er nicht 10 Stunden, sondern
nur, sagen wir 5 oder noch weniger Stunden wert sein. Stets ergibt
sich für die menschliche Arbeit unter normalen Bedingungen ein
Wertüberschuß des produzierten Wertes über den verbrauchten Wert
hinaus l ).
l ) Dieser Beweis schließt daher ein, daß der vom Arbeiter erhaltene Lohn
notwendigerweise an Wert gleich dem Wert der zu seinem Unterhalt notwendigen
Lebensmittel ist. Das ist zuletzt das alte klassische Gesetz eines Türgot und
Ricardo (siehe SS. 179—180), dasselbe, das der Zeitgenosse und Eiyale Marx’,
Lassallb, mit dem tönenden Namen des ehernen Lohngesetzes bezeiohnete. Marx
gibt diesem Gesetz eine angeblich wissenschaftlichere Grundlage, weiter nichts.
Dieser Beweis schließt aber auch ein Postulat ein, das ebenfalls bewiesen
Werden müßte, nämlich daß die zur Erzeugung des Unterhalts des Arbeitenden
notwendige Arbeitsmenge stets geringer ist, als die, die der Arbeitende
liefern kann. Was beweist denn aber, daß der Mensch, der täglich eine zehnstündige
Arbeit leistet, niemals 10 Stunden braucht, um seine Unterhaltsmittel zu ge
winnen? Liegt hierin eine Naturnotwendigkeit? — Marx liefert hierfür keinen
Beweis und scheint dies als Axiom anzunehmen. Wir wollen nicht erst wider
sprechen; man kann tatsächlich als empirisches Gesetz zugeben, daß die Arbeit des
Menschen nicht in ihrer Gesamtheit von den Notwendigkeiten des Lebens aufge-
Daucht wird; denn, wenn es so wäre, hätte sich das Menschengeschlecht niemals
vermehren können, hätte es niemals Kapitalien schaffen können und hätte niemals
die Zivilisation, die Frucht der Freizeit, gekannt.
Ist es aber zuletzt nicht der „Reinertrag“ der Physiokraten, den wir hier
wiederfinden, nur mit dem Unterschiede, daß er, anstatt ein Privilegium der land
wirtschaftlichen Arbeit zu sein, eine jeder Arbeit anhaftende Eigenschaft ist?