566 Viertes Buch. Die Abtrünnigen.
Der soziale Katholizismus, der in Frankreich unter dem zweiten
Kaiserreich geschlummert hatte, erwachte nach dem Unglück von
1870. Graf Albert de Mün trat an seine Spitze und gab ihm durch
seine warmherzige Beredsamkeit und wohl auch durch die Schaffung
von k ath olis chen Arbeitervereinen einen kräftigen Ansporn.
Zur gleichen Zeit erschien die Zeitschrift Association catholi-
qu e“, deren Programm, das sie getreulich eingehalten hat, die Unter
suchung aller wirtschaftlichen Tatsachen im Geiste des Katholizis
mus war.
Ganz besonders wurde die zunftmäßige Organisation an die
Spitze des katholisch-sozialen Programmes gestellt 1 ). Nicht daß die
„Familie“, aus der Le Play den Eckstein des sozialen Gebäudes
machen wollte, verworfen wurde, aber man war der Überzeugung,
daß, wenn die Familie der Mittelpunkt der moralischen Reform bleiben
sollte, man als Basis einer wirtschaftlichen Reform eine Assoziation
mit wirtschaftlichen Charakter wählen müsse.
Zunächst erregt dies einiges Erstaunen. Man versteht nicht
recht, welche verwandten Beziehungen der Berufsverband mit dem
Evangelium haben kann, oder welche Mittel ihm zu Gebote stehen,
um die Gesellschaft im christlichen Sinne umzuwandeln. Man darf
aber nicht übersehen, daß, wenn die Zunftordnung nicht im Evangelium
steht, sie wenigstens die ganze mittelalterliche Periode gekennzeichnet
hat, in der die Herrschaft der Kirche am festesten begründet
war. Solange diese Zunftordnung gedauert hat, gab es das nicht,
was man heute soziale Frage nennt, so daß man auf den Gedanken
kommen kann, sie habe in sich selbst die notwendigen Tugenden
gehabt, um den Frieden zwischen Kapital und Arbeit aufrecht zu
erhalten. Sicherlich ist das heute nicht der Fall, aber vielleicht
würde es genügen, den Berufsverband wieder unter die Herrschaft
heit handeln . . . Wir wollen diese korporative Organisation auf viel weiterer wirt
schaftlicher Basis und im Sinne einer demokratischereren Auffassung.“ Kapital
und Arbeit und die Reorganisation der Gesellschaft.
x ) „Wir müssen alle unsere individuellen Bestrebungen und alle unsere öffent
liche Forderungen lenken und richten auf die grundlegende Reform: DIB
KORPORATIVE REORGANISATION DER GESELLSCHAFT,“
(Programm des (Euvre des eercles ouvriers, April, 1894).
Die kooperative Arbeitergenossenschaft wird daher beiseite geschoben. Die sozial
katholischen Schulen zeigen sich ihr recht wenig sympathisch, und noch weniger,
wenn sie sich unter der Form des kooperativen Konsumvereins darstellt. Es
beruht dies darauf, daß sie hauptsächlich eine Gefahr für die Klasse der kleinen
Krämer und kleinen Handwerker ist, die der katholischen Schule besonders am Herzen
liegt. Im Gegensatz dazu ist daher die katholische Schule der Kreditgenossen
schaft sehr günstig, weil sie hauptsächlich den Mittelklassen, den kleinen Krämern
und kleinen Handwerkern zugute kommt.