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Viertes Buch. Die Abtrünnigen.
brennende Frage, wo der latifundiale Grundbesitz einer ganz geringen
Anzahl von „Landlords“ gehört 1 ). Der von der Bibel inspirierte
christliche Sozialismus erinnerte sich der Worte: „Die Erde ist mein,
sagt der Ewige!“ und ihres Niederschlages im mosaischen Gesetze
über das Jubeljahr, das die Erde alle 49 Jahre (7 Wachen von Jahren)
den ursprünglichen Besitzern zurückgab. Er verbreitete dann das
System Henry George’s, der vielleicht selbst der Gruppe der
Christlich-Sozialen zuzurechnen ist. Außer in der Agrarfrage tritt
der christliche Sozialismus in England auch als Verteidiger der
Arbeiterklasse auf. Viele englische Kirchen, die „Institutional
Churches“ (Werk-Kirchen) genannt werden, umgeben sich mit einem
Netz von Werken, die für alle materiellen, intellektuellen und
moralischen Bedürfnisse des Arbeiterlebens Fürsorge tragen. Mehrere
der Führer der sozialistischen Arbeiterbewegung, besonders Keie
Hardie, sind überzeugte, tätige Christen. Die Federation der Brother-
hoods umfaßt heute beinahe 2000 Gesellschaften mit einer Million
Arbeiter, in deren eifriger Propaganda das Evangelium und der
Sozialismus eng vereinigt sind * 2 3 ).
In den Vereinigten Staaten trat der christliche Sozialismus noch
viel schärfer gegen den Kapitalismus auf, den er in biblischer Sprache
„Mammonismus“ nennt. Die erste Gesellschaft von Christian
S o c i a 1 i s t s scheint in Boston im Jahre 1889 gegründet worden zu
sein. Seitdem sind viele gefolgt. Die letzte definiert in ihren Statuten
ihr Ziel wie folgt: „die soziale Botschaft Christi in die Kirchen ein-
dringen zu lassen, und zu zeigen, daß der Sozialismus notwendiger
weise der wirtschaftliche Ausdruck des christlichen Lebens ist“; und
ein wenig weiter; „überzeugt, daß das Ideal des Sozialismus mit dem
der Kirche übereinstimmt, und daß das Evangelium von der koopera
tiven Republik (cooperative Commonwealth) nichts anderes ist als das
Evangelium vom Reiche Gottes wirtschaftlich ausgedrückt . . 3 ).
0 In den Kreisen der anglikanischen Kirche ist sein Organ: The Economic
Review, die in Oxford erscheint, — und die man nicht mit The Economic
Journal, das ebenfalls in Oxford herauskommt, aber rein wissenschaftlich ist, ver
wechseln darf.
2 ) E. Godnbllb, Le Mouvement des Fraternites (Broschüre).
3 ) Josiah Steong, Direktor des Instituts für soziale Dienste (des sozialen
Museums) in New York gibt eine Zeitschrift heraus; The Gospel of the Kingdom
(Das Evangelium vom Reiche Gottes), in der erklärt wird; „daß es selbstverständlich
ist, daß die Welt nicht eher christianisiert werden kann, bevor nicht die Industrie
christlich geworden ist“, und deren Programm in der Untersuchung der wirtschaft
lichen Tatsachen im Lichte des Evangeliums besteht. So findet man z. B. über die
Frage der Arbeitslosigkeit die Stelle: Matth. 20, 6, und über die noch tech
nischere Frage der Berechtigung des „open or closed shop“ (d. h. über die
Frage, ob die Fabrik nichtorganisierte Arbeiter beschäftigen soll oder nicht) den