Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel III. Die Solidarisier!. 
673 
scliaftliches Programm, das ihr gestatten sollte, sich einen Weg 
zwischen der alten liberalen Partei und dem Sozialismus zu bahnen, 
— das Laisser-faire zu verwerfen, aber ebenso die Sozialisation des 
individuellen Eigentums —, die Rechte des Individuums, die Menschen 
rechte, aufrecht zu erhalten und mit Nachdruck zu vertreten, aber 
zur gleichen Zeit dem Einzelnen gewisse Opfer im Interesse der Ge 
samtheit aufzuerlegen und abzufordern. Es war das die Partei, die 
■sich damals radikal nannte, und die sich heute radikal-sozialistisch 
nennt. Allerdings besagt das Programm des deutschen Staats- 
Sozialismus, so wie es zu dieser Zeit gelehrt wurde (siehe SS. 503/504) 
ungefähr dasselbe, aber seine Auffassung der historischen Rolle des 
Staates, der über allen Klassen- und Parteiinteressen schwebt, war 
wenn sie auch in einem Lande wie Preußen leicht verständlich ist 
für Franzosen doch viel weniger einleuchtend und sympathisch. Die 
Geschichte der beiden Länder gibt ihnen in dieser Hinsicht nicht 
die gleichen Lehren, Der Solidarismus mag, wenn man will, Staats 
sozialismus sein, jedoch in französischem Gewände und von größerer, 
liebenswürdigerer Höflichkeit, weil er nicht notwendigerweise die 
Zwangseinmischung des Staates bedingt und der Freiheit des Indi 
viduums mehr Achtung entgegenbringt 1 ). 
Das Wort Solidarität leistete aber noch einen weiteren Dienst: 
■es gestattete ein anderes Wort zu verbannen, dessen man sich um seines 
religiösen Beiklangs willen nicht bedienen wollte, das der „Mildtätig 
keit“. Auch das Wort Brüderlichkeit, das seit der Revolution von 1848 
an seine Stelle getreten war, schien mit einem recht veralteten Sentimen- 
0 1889 wurde, wenn wir uns nicht irren, die Solidarität zum ersten Male als 
Wahlspruch in einem Vortrage einer neuen wirtschaftlichen Schule vorgeschlagen, 
der sich geradezu L’Ecole Nouvelle nannte. Dieser Vortrag wurde in einem 
kleinen Buche, zusammen mit drei anderen, unter der Überschrift: Quatre Ecoles 
d’Economie Sociale (Genf, 1890) (L’Ecole liberale von Fnfmfmic Passy; 
L’Ecole catholique von Claudio Jannbt; L’Ecole socialiste von Stiegleb; 
L’Ecole nouvelle von Gide) veröffentlicht. In dieser letzteren sagt der Ver 
fasser, nachdem er die drei vorhergehenden Schulen als die Vertreter der Freiheit, 
der Autorität und der Gleichheit bezeichnet hat: „Wenn man nun von mir ver 
langt, diese neue Schule mit einem einzigen Wort, wie die vorhergehenden, 
zu definieren, so würde ich sie die Schule der Solidarität nennen. . . . Die Soli 
darität ist nicht wie die Freiheit, die Gleichheit und sogar die Brüderlichkeit ein 
volltönendes Wort oder ein reines Ideal: sie ist eine Tatsache, eine der von 
•der Wissenschaft und der Geschichte am sichersten nachgewiesenen Tatsachen, sie 
ist die bedeutendste Entdeckung unserer Zeit. Und diese Tatsache der Solidarität 
gewinnt täglich an Bedeutung.“ 
In Wirklichkeit hätten wir besser getan, eine „neue Bewegung“ als eine „neue 
Schule“ anzukünden, denn eine große Anzahl höchst verschiedener und sogar höchst 
entgegengesetzter Schulen, die des biologischen Naturalismus wie die des Christen 
tums, die des Anarchismus wie die des Staatssozialismus haben sich seitdem auf 
die Solidarität berufen. 
Gide und Rist, Gesch. d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinunsen. 43
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.