Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

talismus  behaftet  zu  sein.  Dafür  hatte  im  Gegenteil  das  Wort  Solidarität
ein  eindrucksvolles,  wissenschaftliches  Aussehen,  ohne  jede  Spur  von
Ideologie.  Von  ihm  gedeckt,  kann  man  jetzt  alle  Opfer,  die  man  für
andere  verlangt,  wie  Subventionen  an  Gesellschaften  gegenseitiger  Hilfe,
an  Arbeitergenossenschaften  oder  an  Gesellschaften  zur  Beschaffung
billiger  Wohnungen,  an  Arbeiterpensionskassen  und  sogar  Armenunterstützungen, ­
  nicht  im  Namen  der  Mildtätigkeit,  sondern  in  dem
der  Solidarität  verlangen;  und  bei  jeder  Gelegenheit  hört  man  die
mit  Beifall  aufgenommene  Formel  wiederholen:  „Unser  Ziel  ist  kein
Werk  der  Mildtätigkeit,  sondern  der  Solidarität;  die  Mildtätigkeit
erniedrigt,  die  Solidarität  adelt“!
§  2.  Die  solidaristischen  Thesen.
Um  aber  ans  dem  Solidarismus  eine  allen  verständliche,  eine
volkstümliche  Lehre  zu  machen,  mußte  man  ihn  genauer  fassen.  Die
Fluten  des  Stromes,  die  sich  aus  so  verschiedenen  Quellflüssen  genährt ­
  hatten,  waren  zu  trübe:  sie  mußten  filtriert  werden.
Hierin  liegt  das  Verdienst  eines  der  Führer  der  radikal-sozialistischen ­
  Partei,  Leon  Bourgeois,  der  dies  versucht  hat,  indem  er  die
noch  etwas  nebelhafte  und  metaphysische  Idee  der  Solidarität  in  eine
juristische  Formel  brachte,  in  die  des  Quasi-Kontraktes.  Infolge ­
  der  hervorragenden  Stellung  ihres  Urheberserregte  diese
These,  die  sich  gerade  zur  rechten  Zeit  einstellte,  in  den  so  großen  und
umfassenden  Kreisen  der  Lehrerwelt  mit  ihren  hunderttausend  Volksschulen, ­
  ihren  Universitäten,  Hochschulen,  Gymnasien  usw.,  wie  auch
in  den  demokratischen  Zeitungen  und  Vereinen  das  größte  Aufsehen.
Glaubte  man  doch  in  ihr  die  Grundlage  der  lang  ersehnten  Laienmoral ­
  zu  finden.  Daher  sind  wir  der  Meinung,  sie  etwas  eingehender"
analysieren  zu  müssen,  als  es  der  kleine  Umfang  des  Buches,  in  dem
sie  dargelegt  wird,  nötig  erscheinen  lassen  möchte *  2 ).  Man  muß  unter
dieser  Theorie  folgendes  verstehen;
*)  LSon  Boubgeois  ist  mehrere  Male  Minister,  sowie  Präsident  der  französische»
Kammer  gewesen.  (Anm.  d.  übers.)
2 )  Die  Untersuchung  Lfion  Boubgeois’  über  La  Solidarite  erschien  zuerst
in  der  Form  von  Aufsätzen,  1896,  in  der  Nouvelle  Revue,  und  dann  1897  in
Buchform.  Sie  ist  von  allen  Seiten  in  einer  Reihe  von  Vorträgen  beleuchtet  worden,
die  verschiedene  Redner  an  der  „Ecole  des  Hautes  Etudes  sociales“,  unter  dem  Vorsitz ­
  LtoN  Bourgeois’  selbst  hielten.  Diese  Vorträge  wurden  dann  in  einem  Band
unter  dem  Titel  Essai  d’une  Philosophie  de  la  Solidarite  (1902)  vereinigt.—
1895  wurde  unter  dem  Namen  Soeiete  d’Education  Sociale  eine  Vereinigung
für  die  Verbreitung  dieser  Lehren  gegründet:  sie  hielt  sogar  zurZeit  der  Weltausstellung
einen  internationalen  Kongreß  ab,  hat  aber  seitdem  kein  Lebenszeichen  gegeben.
Übrigens  gibt  es  in  Frankreich  eine  äußerst  reichhaltige  Literatur  Uber  de»
            
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