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Fünftes Buch, Die Lehren der neuesten Zeit.
Uns interessiert hier allein die Fassung der anarchistischen
Ideen bei diesen kompetentesten Vertretern der Lehre. Wir über-
gehen die oft sehr zugespitzten, aber auch weniger durchdachten
Darstellungen,, die sie bei unbekannteren Schriftstellern gefunden
haben 1 ).
Als Grundlage, der Lehre finden wir zunächst die gleiche Über
treibung der Rechte des Individuums und die gleiche leidenschaftliche
Hingabe an die freie und vollständige Entwicklung der Persönlichkeit,
auf die wir schon bei Stiknek. hingewiesen haben. „Jeder Gehorsam ist
eine Abdankung“, erklärt Elxsbe Rechts * 2 3 ). „Das Menschengeschlecht
will regiert werden: man wird es regieren. Ich schäme mich meines
Geschlechts“, schrieb Pboudhon 1850 in seinem Gefängnis zu
Doullens 8 ). „Meine Freiheit,“ sagt Bakunin, „oder was: auf dasselbe
hinausläuft, . . . meine Menschenwürde . . . besteht darin, keinem
anderen Menschen zu gehorchen und meine Handlungen nach nichts
als nach meinen eigenen Überzeugungen zu bestimmen 4 ).“ Nach
Jean Gkavb kann die Gesellschaft dem Individuum „keine Be
schränkung auferlegen, . . . außer denen, die schon auf Grund der
natürlichen Existenzbedingungen bestehen, inmitten deren es lebt“ 5 * * ),
Jedoch beruht diese Anbetung des Ichs, die man überall in den
anarchistischen Werken wiederfindet, auf einer Auffassung, die der
Stiknee’s diametral entgegengesetzt ist. Für ihn ist jeder Mensch
ein „Einziger“ der kein anderes Gesetz als seinen Egoismus kennt.
Für die Anarchisten PxtoxjDHON’scher Färbung ist jeder Mensch
im Gegenteil etwas dem Individuum überlegenes, ein Teil der
Menschheit. „Das, was ich an meinem Nächsten achte,“ sagt
Proxjehon, „. . . ist seine Würde als Mensch 9 ).“ Gerade diese
Menschenwürde ist es, die der Anarchist zur Geltung bringen will,
indem er die Achtung seiner Freiheit durchsetzt, denn „die Freiheit“,
0 Über den heutigen Zustand der anarchistischen Ideen in Frankreich ygl.
R. db Maemandb: Les Forces revolutionnaires en France, in der Grande
Revue vom 10. August 1911.
2 ) L’Bvolution, la Revolution usw., S. 88, und er fügt hinzu: „Unser
Ideal umfaßt ... für einen jeden Menschen die volle und absolute Freiheit, seinen
Gedanken über jeden Gegenstand Ausdruck zu geben, . . ,, es umfaßt ebenfalls für
einen Jeden das Recht, zu handeln, wie es ihm beliebt, und zu tun, was er will“
(S. 143). Nur unter dieser Bedingung kann sich der Mensch „zu einem moralischen
Wesen entwickeln“ {S. 141).
3 ) Auszug aus den Carnets, am 16. Januar 1909 im Figaro erschienen.
4 ) (Buvres, Bd. I, S. 281.
5 ) Jean Grave, La Societe future, S. 157. Vgl. auch S. 199: „Nein, das.
Individuum darf keine Beschränkungen seiner Entwicklung dulden, darf sich dem
Joch keiner Autorität beugen, was auch immer der Vorwand sei, auf die sife sich
stütze.“
“) Justice dans la Revolution, ßd. I, S. 185.