Kapitel IV. Die Anarchisten.
schreibt Bakünin, „ist der höchste Zweck aller mensclri
Wicklung“ J ). Es ist daher nicht der Triumph des egoistisc!
sondern der Triumph der „Menschenwürde“ eines jeden, den die
Anarchisten herbeisehnen. — Sie fordern die Freiheit nicht nur für
sich selbst, sondern für alle. Weit davon entfernt, ihresgleichen, wie
Stienee dies will, „verbrauchen“ zu wollen, wollen sie für alle die
gleiche Achtung vor der menschlichen Würde. „Behandele die anderen,
wie du selbst von ihnen unter gleichen Umständen behandelt zu
werden wünschst“, sagt Keopotkin in einer kantischen und sogar christ
lichen Formel * 2 3 ). Für Bakunin, der hierin seinem Meister Peoudhon
getreu folgt, ist die Grundlage aller Moral die „menschliche
Achtung“, nämlich die „Anerkennung der Menschlichkeit, des
Menschenrechtes und der Menschenwürde in jedem Menschen, welches
auch seine Rasse, seine Farbe, der Grad der Entwicklung seiner
Intelligenz und sogar seiner Moral sei“ 8 ). Er sagt daher auch:
„Wirklich frei werde ich nur durch die Freiheit der anderen. . . .
Die Freiheit ergibt sich nicht aus der Vereinzelung, sondern aus
Gegenseitigkeitsbeziehungen, nicht aus der Ausschließung, sondern im
Gegenteil aus der Verbindung; die Freiheit eines jeden Individuums
ist nichts anderes, als der Widerschein seiner Menschlichkeit oder
seines Menschenrechtes im Bewußtsein aller freien Menschen, die
seine Brüder, seinesgleichen sind 4 ).“ Dieser Humanitätsgedanke, der
von Peoüdhon den späteren Anarchisten überliefert worden ist, ist
Stienee nicht nur fremd, sondern ist gerade eines der Phantome, die
er am heftigsten bekämpft hat 5 6 * ).
Mit dieser Erhöhung der individuellen Freiheit geht bei den
politischen Anarchisten, wie bei Stienee, der Haß gegen jede Auto
rität Hand in Hand. Denn jede von einem Menschen auf einen
anderen ausgeübte Autorität ist eine „Ausbeutung des Menschen
durch den Menschen“, oder eine Verkleinerung der Menschlichkeit im
Menschen.
Der Staat ist die Autorität, die alle anderen zusammenfaßt.
Auf ihn konzentriert sich daher hauptsächlich der Haß der Anar-
*) Bakünin, CE u v r e s, I, S. 105.
2 ) Angeführt von Eltzbacher, op. cit., S. 199.
3 ) Bakunin, CBuvres, I, S. 281: „Ich bin nur dann wahrhaftig frei, wenn alle
menschlichen Wesen um mich, Männer und Frauen, ebenfalls frei sind. Die Freiheit
der Anderen, weit davon entfernt, eine Begrenzung oder Verneinung meiner Freiheit
zu sein, ist im Gegenteil ihre notwendige Bedingung und Bestätigung“ (Ebenda),
l ) Bakunin, B. I, S. 277.
6 ) Der Gedanke, im Menschen die Menschheit zu achten, ist einer der Gedanken,
die Stirnek am heftigsten kritisiert. Er nennt Phoudhon als ihren Vertreter. Dieser
Gedanke lag auch Feuekbach besonders am Herzen, der überall den Begriff des
Göttlichen durch den des Menschlichen ersetzen wollte.
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