Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

düsten;  durch  seine  Einmischung  in  alle  menschlichen  Verhältnisse,
durch  seine  Gesetze,  die  die  Handlungen  der  Bürger  regeln,  durch
seine  Beamten,  die  sie  anwenden,  durch  seine  Armee,  die  sie  erzwingt, ­
  durch  seine  Gerichtshöfe,  die  sie  auslegen,  durch  seine  Priester,
die  die  Achtung  davor  predigen  und  durch  seine  Professoren,  die  sie
erklären  und  rechtfertigen,  ist  der  Staat  der  vornehmste  Träger  der
Ausbeutung  und  der  Unterdrückung 1 ).  Daher  ist  er  auch  für  die
Anarchisten  der  Erzfeind.  Der  Staat,  sagt  Bakunin,  ist  „die
Summe  der  Verneinungen  der  individuellen  Freiheiten  aller  seiner
Glieder“.  Er  ist  „ein  unabsehbarer  Begräbnisplatz,  auf  dem  sich
alle  Kundgebungen  des  individuellen  Lebens  opfern,  wo  sie  sterben,
und  begraben  werden“.  Er  ist  „die  ausgesprochene  Verneinung  der
Menschlichkeit“  2 ).  Wie  Bastiat,  und  dies  ist  nicht  die  letzte  Analogie, ­
  die  wir  zwischen  ihnen  finden  werden,  —  definiert  auch
Bakunin  den  Staat  auf  Grund  der  Tatsache,  daß  er  die  Macht  darstellt: ­
  „als  die  prahlende  Überhebung  und  trunkene  Narrheit  der
Gewalt“.  Dadurch  allein  ist  er  das  Böse  an  sich,  denn  der  Zweck
der  Menschheit  ist  die  Freiheit;  die  Gewalt  aber  ist  die  „ständige
Verneinung  der  Freiheit“ 8 ).
Als  notwendiger  Träger  der  Unterdrückung  ist  die  Regierung
auch  unweigerlich  der  Träger  der  Korruption.  Alles,  was  sie  berührt, ­
  verfault,  und  zu  allererst  ihre  eigenen  Vertreter.  „Der  beste,
der  intelligenteste,  der  warmherzigste,  der  reinste  Mensch  muß  unbedingt ­
  in  diesem  Beruf  verderbt  werden  ...  Jeder,  sei  es  politisch,
sei  es  wirtschaftlich  privilegierte  Mensch  ist  ein  geistig  und  moralisch ­
  verkommenes  Wesen.“  So  spricht  Bakunin 4 ),  und  für  Elisee
Reclus  „ist  es  ein  Naturgesetz,  daß  ein  jeder  Baum  seine  eigene
Frucht  trage,  und  daß  die  Blüten  und  Früchte  jeder  Regierung
sprunghafte  Launen,  Vergewaltigungen,  Wucher,  Gemeinheit,  Mord
*)  Auch  hier  hat  Pboudhon  das  Vorbild  geliefert:  „Wer  regiert  wird,“  sagt  er,
(Idee  generale  de  la  Revolution,  S.  341)  „wird  bei  jeder  Handlung,  jedem
Geschäft,  jeder  Bewegung  aufnotiert,  einregistriert,  nachgezählt,  taxiert,  gestempelt,
nachgemessen,  rubriziert,  abgeschätzt,  besteuert,  veranlagt,  autorisiert,  visiert,  ermahnt, ­
  behindert,  verbessert,  eingerenkt  und  korrigiert.  Unter  dem  Vorwände  des
öffentlichen  Nutzens  oder  des  Allgemeinwohls  wird  er  gebrandschatzt,  geschuhriegelt,
eingesperrt,  ausgebeutet,  monopolisiert,  konzessioniert,  ausgesogen,  mystifiziert  und
bestohlen;  bei  dem  geringsten  Widerstand,  bei  der  ersten  Klage  unterdrückt,
bestraft,  begeifert,  geärgert,  gehetzt,  angeschnauzt,  totgeschlagen,  entwaffnet,  geknebelt,
eingekerkert,  erschossen,  in  Stücke  gerissen,  abgeurteilt,  verurteilt,  deportiert,  geopfert,
verkauft  und  verraten;  und  damit  auch  nichts  fehle,  wird  er  betölpelt,  genasführt,
beschimpft,  geschmäht  und  entehrt.  Das  ist  die  Regierung,  das  ist  ihre  Gerechtigkeit ­
  und  ihre  Moral.“
2 )  Bakunin,  CEuvres,  B.  I,  S.  143,  227,  151.
3 )  Ebenda,  S.  228.
4 )  Ebenda,  B.  I,  S.  176;  B.  III,  S.  53.
            
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