Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  IV.  Die  Anarchisten.

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und  Elend  sind“ 1 ).  —Der  Staat  demoralisiert  die  Regierenden;  aber
ebenso  demoralisiert  er  auch  die  Regierten  und  stets  ans  dem
gleichen  Grunde.  Verursacht  er  doch  „sogar  wenn  er  das  Gute  verordnet“, ­
  in  Wirklichkeit  das  Böse;  denn  „das  Gute,  sobald  es  verordnet ­
  wird  .  .  .  wird  zum  Übel.  Die  Freiheit,  die  Moralität  und
die  menschliche  Würde  bestehen  gerade  darin,  daß  der  Mensch  das
Gute  nicht  deshalb  tue,  weil  es  ihm  befohlen  wird,  sondern  w r eil  er
es  versteht,  will  und  liebt“  s ).
Daher  ist  auch  die  Form  der  Regierung  ohne  große  Bedeutung.
Absolute  oder  konstitutionelle  Monarchie,  demokratische  oder  aristokratische ­
  Republik,  Regierung  auf  Grund  eines  allgemeinen  oder  eines
beschränkten  Wahlrechtes,  sie  haben  alle  den  gleichen  Wert,  denn
alle  setzen  den  Staat  voraus.  Die  Autorität,  sei  es  die  einer  Majorität
oder  die  eines  Despoten,  bleibt  stets  Autorität;  stets  ein  fremder
Wille,  der  den  meinen  unterjocht.  Der  große  Fehler  aller  Revolutionen
war  eben  der,  eine  Regierung  nur  gestürzt  zu  haben,  um  sie  sogleich
durch  eine  andere  zu  ersetzen.  Die  einzige  wahre  Revolution  wird
die  sein,  die  gerade  die  Tatsache  der  Regierung  an  sich  —  das
Prinzip  der  Autorität  selbst  —  vernichtet.
AVenn  man  den  Staat,  den  naturnotwendigen  Unterdrücker,  etwas
eingehender  untersucht,  so  bemerkt  man,  daß  er  nur  das  Instrument
einer  noch  tiefer  liegenden  Unterdrückung  ist:  nämlich  die  der  Besitzlosen ­
  durch  die  Besitzenden.  Hatte  nicht  Adam  Smith  schon  wörtlich
gesagt:  „die  Zivilregierung  ...  ist  in  Wirklichkeit  eingerichtet,  um
die,  die  etwas  besitzen  gegen  die,  die  nichts  besitzen,  zu  verteidigen“ *  2  3 )?
Dieser  Gedanke  ist  von  den  Anarchisten  in  Hunderten  von  Variationen
ausgelegt  worden.
Nach  Keopotkin  lassen  sich  alle  Gesetze  in  drei  Kategorien
teilen:  ihr  Zweck  ist  entweder  der  Schutz  der  Personen,  der  Schutz
der  Regierung  oder  der  Schutz  des  Eigentums 4 )-  In  Wirklichkeit
hätte  er  sie  aber  alle  in  dieser  letzten  Klasse  zusammenfassen  können;
denn  in  den  Augen  der  Anarchisten  beruhen  die  Delikte  gegen  Per!) ­
  L’Bvolution,  la  Revolution  et  Pideal  anarchique,  S.  164.
2 )  Bakunin,  (Euvres,  B.  I,  S.  280.
3 )  Vgl.  oben  Seite  88,  Anm.  2,  Ende  des  ersten  Absatzes  auf  Seite  89:  „Die
bürgerliche  Regierung  ist,  insofern  sie  zur  Sicherung  des  Eigentums
eingeführt  ward“,  usw.,  hat  Adam  Smith  allerdings  gesagt,  was  zu  der  Annahme
berechtigt,  daß  dies  in  den  Augen  des  großen  Volks  Wirtschaftlers  nicht  ihr  ausschließlicher ­
  Zweck  war.  Aber  auf  jeden  Fall  war  es  eine  ihrer  Hauptaufgaben.
*)  Kropotkin,  Paroles  d’un  Revolte,  S.  236.  „Wenn  man  die  Millionen
Gesetze  studiert,  die  die  Menschheit  regieren,  so  läßt  sich  leicht  bemerken,  daß  sie
in  drei  große  Klassen  eingeteilt  werden  können:  Schutz  des  Eigentums,  Schutz  der
Regierung,  Schutz  der  Person.  Wenn  man  nun  diese  drei  Kategorien  analysiert,
gelangt  man  in  Hinsicht  auf  eine  jede  von  ihnen  zu  dem  logischen  und  notwendigen
Schluß:  Nutzlosigkeit  und  Schädlichkeit  des  Gesetzes.“
            
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