Full text: Gesellschaftslehre

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Die Gruppe. 
fen bei uns unterbewußt (d. h. unbemerkt); endlich gibt es bestimmende 
Kräfte des Seelenlebens, die dem Bewußtsein überhaupt entzogen bleiben. 
Namentlich hat der Wille nach den neueren Untersuchungen den Cha- 
‚akter einer determinierenden Tendenz, die unser Verhalten bestimmt, 
häufig aber gar nicht ins Bewußtsein tritt. Wenn wir also von einem 
Gesamtwillen sprechen, z. B. von einem Gesamtwillen der Zuschauer, der 
lie Moralgebote trägt, so ist dabei an eine solche determinierende Ten- 
Jenz zu denken, die in der Regel unbewußt bleibt, vorwiegend nur bei 
Widerständen zum Bewußtsein kommt, dann aber in der Form eines 
kollektiven Gefühls- und Willenserlebnisses. Dieses legte Beispiel zeigt 
zugleich, daß man ebenso wie zwischen bewußten und unbewußten Kol- 
lektiverlebnissen auch zwischen potentiellen und aktuellen 
Formen des Kollektivgeistes zu unterscheiden hat (ebenso wie übri- 
zrens auch im individuellen Willensleben). Überzeugungen wie die, daß die 
Erde rund ist oder Naturgesege keine Ausnahme haben, gehören z. B. 
zu den vorwiegend potentiellen Formen des modernen Kollektivgeistes. 
Diese Tatsache der häufigen Potentialität, d. h. das häufige Latentsein 
macht es begreiflich, daß der Kollektivgeist so mächtig ist, obwohl er im 
allgemeinen unbemerkt bleibt. Von dem Willen einer herrschenden Klasse 
7. B. ihre Vorrechte aufrechtzuerhalten wird man im allgemeinen im täg- 
lichen Leben nicht viel spüren. Nur wo dieser auf einen Widerstand oder 
auf eine Absicht der Zerstörung stößt, wird er sich und zwar mit großer 
Energie bemerklich machen. 
Die herangezogenen Beispiele weisen endlich auf einen weiteren Un- 
terschied hin: neben den Kollektivhaltungen, die sich auf ko nkrete 
Gegenstände beziehen, gibt es solche von allgemeinem, d. h. dis- 
positionellem Charakter. Und zwar gilt das sowohl für 
motorische wie emotional-volitionistische und intellektuelle Kollektiv- 
haltungen. Die Bedeutung der dispositionellen Kollektivhaltungen ist 
typischerweise die, daß sie die Grundlage für individuelle Akte 
bilden. In dieser Beziehung unterscheiden sich z. B., wie schon angedeu- 
tet, im Gebiete der Wissenschaft allgemeine und spezielle Erkenntnisse: 
die Grundlagen der Wissenschaften, deren allgemeine Voraussegungen, 
ein Stamm allgemein anerkannter Tatsachen und die allgemeine Methodik 
(d. h. eine bestimmte Art dispositioneller Haltung auf dem Erkenntnis- 
gebiet) sind in viel höherem Maße kollektiver Natur als Urteile speziel- 
len Inhaltes. Ähnlich ist, wenn jemand auf ein individuelles Menschen- 
schicksal ein Sprichwort anwendet, sein darin enthaltenes konkretes Ur- 
teil individueller, dessen Grundlage aber kollektiver Natur. Und ent- 
sprechend überall im täglichen Leben: mag eine Überzeugung an sich rein 
individueller Natur sein, ihre allgemeineren Grundlagen sind es nicht. 
Und es gibt keinen Meinungsaustausch, bei dem sie nicht wirken. Man
	        
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