5 Die Beurteilung der Quellen
großen Fortschritt, den die geschichtliche Wissenschaft im letzten Men-
schenalter gemacht hat, daß sie jene Erzählungen verständnisvoller und
wohlwollender zu beurteilen gelernt hat und daher auch Wunderberichte
als geschichtliche Quellen zu würdigen und zu verwerten vermag“
(Ad. Harnack, Das Wesen des Christentums [Leipzig 1900] 16).
Worin dieser große Fortschritt der geschichtlichen Wissenschaft in
bezug auf das Wunderproblem bestehen soll, kann man aus den etwas
dunkeln Andeutungen, die Harnack den Studierenden aller Fakultäten „zu
eigener Entwicklung“ vorlegt, nicht so deutlich entnehmen als aus den
Worten Bernheins, der die Wunderberichte in seinem Lehrbuch unter
besonderer Berücksichtigung der Wunder des hl. Bernhard kurz streift
(58.328 f): „... Was wird uns in all diesen Fällen denn eigentlich
bezeugt? Gewisse Vorgänge, welche die Berichterstatter für wunderbare
halten. An der Tatsächlichkeitder Vorgänge aan sich ist in dem
Falle des heiligen Bernhard und in hundert anderen Fällen gar nicht
Zu zweifeln, und niemand kann daran zweifeln wollen, der das Mittel-
alter verstehen will, sei er wess Glaubens er will. Was man bezweifeln
kann, ist nur die Auffassung und Beurteilung dieser Vorgänge als
wunderbarer. Wenn wir das tun, d. h. uns in der Beurteilung der er-
zählten Tatsache auf Grund unserer abweichenden Anschauungen und
Kenntnisse von dem Urteil der Berichterstatter emanzipieren, so tun
wir gar nichts anderes als das, wozu wir uns überall methodisch be-
rechtigt halten, wo es sich um die Kritik und Interpretation von
Autoren handelt. Wir würden diese Berechtigung nur überschreiten,
sobald wir die unanfechtbar bezeugten Tatsachen selber in Zweifel
zögen ... In methodischer Hinsicht verfährt Hüffer (in der Behand-
lung der Wunder des hl. Bernhard) hiermit ganz ebenso wie wir,
wenn wir auf Grund unserer Anschauungen uns noch weiter von dem
Urteil der Berichterstatter emanzipieren und die Tatsachen, die diese als
Wunder auffassen, soweit sie nicht als Betrug gelten können, mit Hilfe
der Psychologie und Medizin als natürliche Vorgänge gewisser nervöser
Erscheinungen erklären, ohne die Vorgänge in ihrer Tatsächlichkeit an
sich zu bezweifeln“.
Es ist zu diesen Anschauungen zu bemerken: 1) Sie sind identisch
mit den schon vor hundert Jahren von Heinrich Eberhard Gottlob Paulus
aufgestellten Grundsätzen und, können daher nicht als großer Fortschritt
der Wissenschaft im letzten Menschenalter gelten. Der alte Heidelberger
Exeget betonte schon in seinem „Philologisch-kritischen und historischen
Kommentar über das Neue Testament“ (4 Bände über die Evangelien.
Lübeck 1800-04) wie in seinem späteren „Exegetischen Handbuch über
die drei ersten Evangelien“ (3 Bände in 5 Teilen. Heidelberg 1830—33)
und in seinem „Leben Jesu als Grundlage einer reinen Geschichte des
Urchristentums“ (2 Bände in 4 Teilen. Heidelberg 1828), daß man „bei
jedem als Wunder geglaubten Erfolg die Tatsache, woran nicht zu zweifeln
“GR