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Viertes Buch. Die Abtrünnigen.
Wenn aber der Marxismus nicht notwendigerweise die Anwendung
von Gewalt bedingt, so schließt er sie doch auch nicht aus. Er betrachtet
sie sogar als ziemlich wahrscheinlich, weil der Entwicklungsvorgang kaum
genügen wird, die neuen sozialen Formen aus den alten ohne Störung
zur Entfaltung zu bringen, den Schmetterling aus der Puppe zu lösen.
„Die Gewalt ist die Hebamme jeder gebärenden Gesellschaft“ 1 ).
Hier ist keine falsche Gefühlsseligkeit am Platze. Elend und Leiden
sind unentbehrliche Triebfedern der Entwicklung. Wenn man die Sklaverei,
die Hörigkeit, die Expropriation der Handwerker durch die Kapitalisten
usw. hätte verhindern können, so würde man diese Triebfedern der Ent
wicklung verbogen haben und es wäre mehr Übel, als Gutes daraus ent
standen 2 )- Jeder Zustand bringt gewisse unglückselige, aber für das
Kommen der höheren Formen unentbehrliche Bedingungen mit
sich. Aus diesem Grunde würden die Reformbestrebungen der bürger
lichen Philanthropen und ihre Predigten vom sozialen Frieden verderblich
sein, wenn sie Erfolg hätten. „Ohne Antagonismus kein Fortschritt. 1
Man darf nicht übersehen, daß diese hochmütige Gleichgültigkeit für die
mit Übergangsperioden verbundenen Leiden selbst ein Erbteil der klassi
schen Schule und eine weitere Ähnlichkeit mit ihr ist. Geradeso drückte
auch sie sich aus, wenn sie auf die Konkurrenz, den Maschinismus, und die
Vernichtung der Kleinindustrie durch die Großindustrie zu sprechen kam.
Der Marxismus läßt als Reformen nur die gelten, die den Zweck haben,
nicht „die Gesellschaft zu reformieren“, sondern der Revolution Vorschub
zu leisten und sie zu beschleunigen, die „die Geburtswehen abkürzen und
mildern können“ 3 ).
III.
Die Krisis des Marxismus und der Neo-Marxismus.
Um schon jetzt von dem Neo-Marxismus zu sprechen, müssen wir
der chronologischen Folge unserer Darstellung etwas voraus eilen, da diese
Lehre neuesten Datums ist, doch sind wir durch den GedankenzusammeU'
hang dazu gezwungen. Außerdem enthebt uns dies der Aufgabe, selbst
J ) Marx, Misere de la Philosophie. „Was bedeutet übrigens das Wort Revolte ?
Einfach die Tatsache des Ungehorsams gegen die Gesetze. Was für Gesetze regiere 11
uns nun aber ? Produkte des bürgerlichen Milieus, genau wie die Einrichtungen, deren
Schutz sie bezwecken. Die Revolution wird einfach darin bestehen, diese Gesetze
durch andere Gesetze zu ersetzen; hierfür ist es aber unerläßlich, daß sie ihren Stütz
punkt außerhalb derselben nimmt.“
2 ) „Die schlechte Seite ist’s, welche die Bewegungen ins Leben ruft, welche die
Geschichte macht, dadurch daß sie den Kampf zeitigt“ (Elend der Philosoph^)
S. 116).
3 ) Vorwort zum Kapital, S. XI.