Full text: Frédéric Le Play in seiner Bedeutung für die Entwicklung der sozialwissenschaftlichen Methode

62 
Von diesem Gesichtspunkte aus beurteilt Le Play die politischen 
wie die sozialen Fragen seiner Zeit. Er verurteilt die französische 
Revolution, weil er „das Heilmittel in der Erneuerung der Tradition, 
nicht in dem schroffen Wechsel der Macht“ sieht. Und diese An 
schauung findet sich auf Schritt und Tritt bei Beurteilung der 
sozialen Verhältnisse. 
Sehr lehrreich ist hierfür das Urteil, das er von seiner ersten 
Reise nach Deutschland (1829) mitnimmt, die neben anderen Studien 
den Zweck verfolgte, soziale Streitfragen zwischen ihm und seinem 
Freunde Reynaud zu erledigen. Er sagt, daß sie sich zwar über 
evidente wirtschaftliche Tatsachen einigten; 
indessen — so fährt er fort — gelangten wir keineswegs zu einer Verständi 
gung über die „Soziale Frage“, die der Ausgangspunkt unseres Unternehmens 
gewesen war; wir erkannten nur, daß sie viel komplizierter war, als wir an 
fangs gedacht hatten. Ich bestärkte mich in dem Gedanken, daß die 
Lösung zum großen Teil in den Traditionen der Vergangenheit 
zu finden sei. Mein Freund dagegen bewahrte seine Überzeugung von der 
Lehre vom „unaufhörlichen Fortschritt“ und von der Mitarbeit, die der Geist 
der Neuheit hier wie in jeder anderen Materie leisten kann. Kurz: wir kehrten 
zurück, zugleich verschiedener in unseren Anschauungen und doch bessere 
Freunde als jemals *). 
Hierin zeigt sich schon die Gefahr der vorgefaßten Meinungen, 
die durch ungenaue Beobachtungen niemals unschädlich gemacht 
werden können, sondern nur verstärkt werden. Denn man gelangt 
dazu, die Beobachtungen da abzubrechen, wo die Meinungen be 
wiesen zu sein scheinen, und das, was der Beobachter vor der Be 
obachtung als wahrscheinlich ansah, wird jetzt in seinen Augen zu 
einer aus exakter Beobachtung gewonnenen Tatsache. 
Le Play kam es vor allem darauf an, Vorbilder für den sozialen 
Frieden zu finden, erfreuliche Gegensätze zu dem Unfrieden und 
der Unstetigkeit Frankreichs. Er wird dabei geleitet 
einmal von dem Wunsche, bei den glücklichen Völkern die Traditionen des 
Guten und des Friedens in Tätigkeit zu sehen; dann von dem Bedürfnis zu 
lernen, wie bei den unglücklichen Völkern die sozialen Autoritäten dem sie 
umgebenden Verderben Widerstand leisten * 2 ). 
Es ist nicht zu viel gesagt, daß Le Play fast durchweg das Alte 
als das Gute, das Neue als das Schlechte oder doch recht zweifel 
hafte Gute erscheint. Dagegen zog er die neuen Zustände n i e den 
>) 0. E. I, 39. 
2 ) 0. E. I, 577.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.