fullscreen: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Drittes Buch. Der Liberalismus. 
Was den Freihandel anbelangt, so bringt er einige neue Argumente, 
unter anderen besonders folgendes: wenn in dem freien Handelsverkehr 
mit arbeitsamen und reichen Ländern eine Gefahr läge, so würden die 
armen Provinzen eines Reiches ebenfalls der gleichen Gefahr ausgesetzt 
sein, wenn andere Provinzen sich schnell zu einer hohen Stufe von Reg 
samkeit und Wohlstände aufschwingen — wie gleicher Weise Provinzen, 
die durch einen Krieg annektiert werden. „Und doch“, fügt er hinzu, 
„werden diese Vereinigungen sofort gefahrlos, wenn sie sich durch Er 
oberung vollziehen!“ Das Argument ist aber mehr geistreich als beweis 
kräftig, denn es ist durchaus nicht unmöglich, daß die Handelsfreiheit 
innerhalb eines Landes den Erfolg hat, die Bevölkerung, die Arbeit und 
das Kapital aus den armen Gegenden nach den reichen zu ziehen, z. B. aus 
der Creuse oder aus Korsika nach Paris. Gerade das aber tritt ein. Freilich 
liegt hierin nur ein halbes Übel, denn Frankreich gewinnt auf der einen 
Seite das, was es auf der anderen verliert; wenn aber die Creuse oder 
Korsika unabhängige Länder wären und ihre Unabhängigkeit bewahren 
wollten, so würde man sehr wohl verstehen, daß sie Maßnahmen ergriffen, 
um diesen Abfluß zu verhindern. Nun ist allerdings nicht recht ersichtlich, 
wie Schutzzölle ihnen hierin helfen könnten; wenn Dunoyer gerade hier 
auf hingewiesen hätte, hätte er seiner These besser gedient. 
Man kann nicht von Dunoyer sprechen, ohne ein Wort über seine 
Produktionstheorie zu sagen. Für ihn ist die Arbeit Alles, die Natur, die 
Materie Nichts: er gesellt sich daher von Anfang an zu den Antipoden 
der Physiokraten * 1 ). Und es scheint, daß er den Sozialisten die Hand reicht, 
die schon vor Marx lehrten, daß die Arbeit die einzige Quelle alles Reich 
tums sei, und daß infolgedessen aller Reichtum den Arbeitern gehören 
müsse; aber diese Idee kommt ihm nicht. Er beschäftigt sich nur mit der 
Produktion und gar nicht mit der Verteilung. 
Was aber die Produktion anlangt, so zieht er aus seinem Prinzip 
interessante Schlußfolgerungen. 
Zunächst ist es ihm gleichgültig, ob die Arbeit sich mit materiellen 
Gegenständen beschäftigt oder nicht; das ändert weder ihren Charakter, 
noch ihre Produktivität, denn in dem einen wie im anderen Falle pro 
die er geltend macht, sind interessant — besonders seine Erwiderung auf das Argument 
der Anhänger des Rechts der Ältesten, die behaupten, daß die enterbten jüngeren Kinder 
dadurch fleißiger werden, und man nur einen Dummkopf für jede Familie schaffe- 
Nach dieser Rechnung, antwortet er, würde es besser sein, auch dem Ältesten jedes 
Erbfolgerecht zu verweigern, „denn es erscheint nicht gerecht, ihn einer Ermutigung 
zu berauben, die man bei seinen jüngeren Brüdern für so vorteilhaft hältl“ 
Nur dachte Dunoyer nicht daran, als er diese ironische Antwort gab, daß >nn 
die Sozialisten einmal beim Wort nehmen könnten 1 
l ) „Die Arbeit ist die einzige Quelle der produktiven Macht.. . Kapitalien 
sind vom Menschen geschaffen: die Erde ihrerseits ist auch weiter nichts als ei 
Kapital“ (B. VI).
	        
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