Dichtung.
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2. Im Jahre 1882 malte Böcklin sein Bild „Malerei
und Dichtung“: zwei stehende Frauengestalten auf marmornem
Unterbau in heiligem Lorbeerhain, zwischen ihnen das Becken
eines Springbrunnens, dessen stracks emporschnellender Strahl
das Bild in zwei Hälften teilt: die Malerei mit dem Wasser
des Strahles spielend, gleichsam feierabendfroh nach gethaner
Arbeit; die Dichtung hoch aufgerichtet, die Ferne mit dem
Blicke suchend, bereit, aus der Schale in ihrer Rechten den
kastalischen Trunk der Begeisterung zu nehmen. Es war um
1882 eine zutreffende Symbolik der Zeitumstände: die Dichtung
schickte sich an, die Malerei in der Führung der nationalen
Phantasiethätigkeit abzulösen.
Freilich: noch verworren und ungeordnet fluteten vorwärts—
drängende Strömungen durcheinander. Es gab keine Schule,
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Bekämpfung sich ein früh geschlossenes Neue hätte herausbilden
können, — nur die Sehnsucht war da, die Sehnsucht vorwärts
nach einer Dichtung, die wahrhaftig wäre und würdig der
zroßen Thaten von 1866 und 1870. Da verfiel man wohl,
um zu helfen, einem unbestimmten Goethekult; da besserte man
eifrig an den äußeren Verhältnissen des Theaters, als wenn
nicht dem Theater nur eine große Litteratur helfen könne, nie—
mals aber das Theater der Litteratur; da forderte man wohl
zar etwas wie ein Reichs-Dichtungsamt, um der lahmen Be—
wegung der Poesie Beine zu machen. Das Beste in diesem
Meinungsgewirr thaten noch die vorwärtsweisenden Tendenzen
der nationalen dichterischen Vergangenheit. Mochten sie das
Land des neuen Stils nur von ferne gesehen haben, die
Bitzius und Ludwig und Hebbel und Anzengruber, mit dem
Tiefsten ihrer Seele hatten sie ihm doch schon zugestrebt: mit
dem Wahrheitsfanatismus ihres Schaffens, mit dem Erdgeruch
ihrer Poesie, mit der unerbittlichen Folgerichtigkeit ihrer Ent—
deckungsreisen ins eigene Innere, mit ihrem idealischen Zug
zum Einfach-Großen, mit ihrer Abneigung gegen die spezifisch
wissenschaftliche Seite des Historismus.
Zu diesen Zügen brachte nun das neue Geschlecht neue
Lamuprecht. Deutsche Geschichte. Erster Ergünzungsband. 16