Full text : Inflation und Geldentwertung

Steuerpolitische  Maßnahmen.

81

daran  liegen,  daß  die  Unterbringung  der  Reichsschatzanweisungen
zu  einem  großen  Teil  zunächst  aus  den  den  Banken  zugeflossenen
Depositen  erfolgen  konnte,  d.  h.  aus  Kaufkraftmengen  vermögender ­
  Einzelwirtschaften,  die  im  Augenblick  über  den  Güterbedarf
hinaus  Mittel  verfügbar  hatten,  oder  aus  der  Ausgabe  von  Noten,
die  gehamstert  wurden,  also  ebenfalls  einstweilen  dem  Gütermarkt
entzogen  sind.  Die  Gefahren  bestehen  darin,  daß  diese  geliehenen
Kaufkraftmengen  eines  Tages  wieder  aufleben,  sich  also  dem  Preisabbau ­
  hindernd  in  den  Weg  stellen  werden.
Die  Hinausschiebung  der  Steuergesetzgebung  bietet  die  Möglichkeit, ­
  die  Einführung  der  Steuern  so  einzurichten,  daß  sie  mit  der
Belebung  der  Produktion,  mit  der  Vermehrung  der  Waren,  mit
einer  günstigen  Gestaltung  des  Verhältnisses  von  Angebot  und
Nachfrage  in  den  einzelnen  Warenarten,  ja  vielleicht  mit  einer
größeren  Einfuhr  von  Waren  zusammenfällt.  Jedenfalls  sollte
diese  Gleichzeitigkeit  mit  allen  Mitteln  angestrebt  werden.  Dann
würde  sich  die  weitere  Möglichkeit  ergeben,  daß  sich  bei  einem
durch  die  Marktlage  bedingten  Preisrückgang  die  Steuererträge
einschieben  könnten,  ohne  so  fühlbar  zu  werden,  wie  es  in  Zeiten
steigender  Preise  der  Fall  sein  würde.
2.  Eine  wirkliche  Verminderung  der  Kaufkraftmenge  in  der
Volkswirtschaft  tritt  hingegen  ein,  wenn  die  von  den  Einzelwirtschaften ­
  eingezogenen  Steuern  nicht  wieder  zur  Verausgabung  gelangen, ­
  sondern  von  den  öffentlichen  Kassen  zur  Schuldentilgung
verwendet  werden.  Das  scheint  auf  den  ersten  Blick  nicht  zu
stimmen;  denn  um  die  Anleiheschulden  zu  tilgen,  ist  es  nötig,  die
auf  dem  Steuerwege  erhaltenen  Mittel  an  die  Anleihebesitzer  zu
verausgaben,  so  daß  also  doch  eine  Zuführung  an  die  Volkswirtschaft ­
  stattfindet.  Die  Anleihebesitzer  erhalten  dann  in  Gestalt  von
Tilgungsquoten  jene  Beträge  zurück,  die  die  öffentlichen  Kassen  als
Steuer  vereinnahmt  haben.  Terhalle  zieht  hieraus  den  Schluß 1 ),
„daß  es  für  die  Preisgestaltung,  soweit  sie  durch  Momente  auf  der
Seite  des  Geldes  bedingt  wird,  insoweit  ganz  gleichgültig  ist,  ob
die  Kriegsschuld  schnell  oder  langsam  oder  gar  überhaupt  nicht
getilgt  wird“.  Bei  näherem  Zusehen  findet  man  jedoch,  daß  die
Steuern  —  in  der  Regel  —  aus  dem  Einkommen  entrichtet  werden,
grundsätzlich  also  die  Kaufkraft  der  Steuerzahler  schmälern,
l )  Zum  Inflationsproblem  der  Übergangswirtschaft.  Bankarchiv  vom  15.  Februar ­
  1919.  S.  94.

Prion,  Inflation  und  Geldentwertung.

ö
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.