Full text: Anfangsgründe der Volkswirtschaftslehre

62 Anfangsgründe der Volkswirtschaftslehre. 
Stellt man sich nicht auf den Standpunkt der Nützlichkeit, 
sondern auf den der Gerechtigkeit, so ist das Ausleihen auf 
Zinsen ganz und gar vernünftig, und das unentgeltliche Aus 
leihen erscheint als eine widersinnige Idee, wenn man es nicht 
zu einem Wohltätigkeitsakt machen will wie bei gewissen Hilss- 
werken. Es erscheint sogar so gesetzmäßig und gerecht, daß 
man sich zunächst fragt, wie man das hat bestreiten können. . . 
Und doch ist es unaufhörlich bestritten worden durch die Jahr 
hunderte hindurch. Warum? Weil man sagte, es ist nicht 
dasselbe, Geld zu verleihen oder ein Stück Land zu verleihen. 
Es sind da drei wesentliche Unterschiede: 
1. Das Land bringt Früchte hervor; es ist also ziemlich 
natürlich, daß derjenige, der es pachtet und sich an diesen 
Früchten bereichern wird, einen Teil davon dem Eigen 
tümer wiedererstattet, und zwar in natura oder in Geldes 
wert. Zudem ist das sichtbar, während man bei einem Sack 
Geld oder einem Bündel Banknoten zunächst nicht sieht, daß 
dieser Sack Früchte trägt. Eine Kuh produziert Milch und 
Kälber, eine Henne legt Eier, ein Stück Land trägt Ernten; 
aber ein Beutel Geld nichts. Und doch besagt das griechische 
Wort für „Zins" (tolws) Gebären. Deshalb erhob der große 
griechische Philosoph Aristoteles Einspruch: „nein", sagte er, 
„das Geld bringt keine Jungen hervor!" 
Er hatte recht, wenn der Sack Geld in einem sichern Koffer 
aufbewahrt werden müßte; es ist offenbar, daß man nach 
Verlauf eines Jahrs in dem Geldsack keinen Pfennig mehr 
finden würde. Aber dem ist nicht mehr so, wenn der Sack Geld 
durch den Austausch in fruchtbringendes Kapital verwandelt 
wird; nun hindert aber nichts, mit dem Sack Geld eine Kuh 
zu kaufen, die ihrerseits jungen wird. 
2. Das Land gibt einen sichtbaren Ertrag, den man der 
Menge nach abschätzen kann. Wenn ein Eigentümer sein Land 
auf Pacht hergibt, "weiß man ungefähr, was es bringen wird 
an Hektolitern Wein oder Getreide, an Säcken Kartoffeln oder 
Körben Obst. Da man weiß, was das Einkommen aus dem 
Lande ist, kann man also mehr oder weniger genau abschätzen, 
ob der Anteil, der dem Eigentümer zukommen wird, gerecht 
oder übertrieben sein wird, besonders wenn dieser Anteil 
ln natura geliefert wird. 
Wenn aber das Ausleihen in Gestalt von Geld stattfindet, 
haben wir keine Norm, die uns gestatten dürfte, abzumessen, 
welches (wie man sagt) „der Zinsfuß sein muß", das bedeutet 
das Verhältnis der jährlich zu zahlenden Summe zum
	        
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