Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

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Einige  Blätter  haben  den  Wortlaut  der  Rede  etwas  anders  gegeben,
aber  der  Sinn  ist  überall  der  gleiche,  überall  kehrt  die  Betonung  der
Pflicht  wieder,  gegebenenfalls  auf  die  eigenen  Angehörigen  zu  schießen
oder  zu  stechen,  und  eine  amtliche  Abstreitung  oder  Berichtigung  der  Rede
ist  nicht  erfolgt.  Zudem  sprach  die  Rede  ja  auch  nur  aus,  was  der  Sache
nach  allerdings  im  Fahneneid  eingeschlossen  ist  und  der  ganzen  Stellung
des  Leeres  im  Milirärstaat  entspricht.  Man  redet  nur  meist  nicht  gern  davon.
Wenn  Wilhelm  II.  es  doch  tat,  so  mußte  man  daraus  folgern,  daß  sein
Geist  sich  mit  dem  Gedanken  an  solche  Möglichkeiten  trug,  die  sich  die
Phantasie  dann  sehr  verschieden  ausmalen  konnte.  Dann  erfolgte  wieder,
am  24.  Februar  1892,  die  Rede  auf  dem  Brandenburgischen  Provinziallandtage,
  worin  es  hieß,  daß  die  „Nörgler"  das  beste  tun  würden,  wenn
sie  „den  deutschen  Staub  von  ihren  Pantoffeln  schüttelten  und  sich  unseren
elenden  und  jammervollen  Zuständen  auf  das  schleunigste  entzögen".  Muß
man  auch  bei  geschichtlicher  Wertung  all  dieser  Reden  sich  vor  Augen
halten,  daß  sie  zum  Teil  mehr  momentane  Ausschweifungen  eines  noch
unausgereiften  Geistes  waren,  als  sie  eine  beharrlich  festgehaltene  Politik
zur  Grundlage  hatten,  so  war  die  unmittelbare  Wirkung,  sobald  sie  bekannt
wurden,  doch  eine  andere.  So  konnte  nur  ein  Monarch  sprechen,  der  eine
Auffassung  von  seiner  Stellung  im  Staate  hatte,  die  mit  dem  Grundsatz ­
  des  Selbstbestimmungsrechtes  der  Völker  im  entschiedensten  Widerspruch
stand.  Für  die  Sozialdemokratie  ein  Anlaß,  ihrerseits  nun  um  so  stärker
jenen  Grundsatz  zu  betonen  und  allen  Arbeiterfreundlichkeit  zur  Schau
tragenden  Maßnahmen  der  Regierung  ein  gesteigertes  Mißtrauen  entgegenzusetzen. ­

Es  war  um  diese  Zeit,  daß  Georg  von  Vollmar  durch  einen  Vortrag,
den  er  am  1.  Juni  1891  in  einer  Parteiversammlung  der  Sozialdemokraten
Münchens  hielt,  einen  kleinen  Sturm  in  der  Partei  entfesselte.  Der  Vortrag
behandelte  das  Thema  „Die  nächsten  Aufgaben  der  Sozialdemokratie",
und  Vollmar  entwickelte  darin,  daß  trotz  allen  Schwankens  der  Regierung
eine  Abwendung  von  der  Bismarckschen  Politik  deutlich  zu  erkennen  sei.
Die  nunmehr  wieder  auf  den  allgemeinen  Rechtsboden  gestellte  Sozialdemokratie ­
  müsse  diese  Politik  auf  die  Probe  stellen.  Ohne  die  allgemeinen  Ziele
der  Partei  aus  dem  Auge  zu  lassen  und  unter  Festhaltung  ihrer  Grundsätze
empfehle  es  sich  daher,  die  Kraft  zunächst  auf  den  Kampf  für  die  Fortführung
des  Arbeiterschuhes,  insbesondere  für  den  Normalarbeitstag,  Sicherstellung
des  Koalitionsrechtes  der  Arbeiter,  strenge  Unparteilichkeit  der  Behörden
bei  Lohnkämpfen  der  Arbeiter,  Schaffung  eines  freien  Vereinsrechtes  mit
der  Gewährung  von  Korporationsrechten  an  die  Arbeiter,  Gesetzgebung
gegen  die  preissteigernden  Syndikate  und  Beseitigung  der  Lebensmittelzölle  zu
konzentrieren.  Genügten  einst  Leidenschaft  und  unbeugsamer  Trotz  für  den
Kampf,  so  handle  es  sich  jetzt  vor  allem  um  Besonnenheit,  kluges  Abwägen
und  zähe  2lusdauer.  „Dem  guten  Willen  die  offene  Land,  dem  schlechten
die  Faust."  Zm  Vorbeigehen  flocht  Vollmar  einige  kritische  Bemerkungen
gegen  übertriebene  Angriffe  auf  den  Dreibund  ein,  der  als  Mittel,  den
Frieden  zu  erhalten,  etwas  „verhältnismäßig  Nützliches"  sei.  Das  waren
nun  alles  Dinge,  über  die  man  ohne  sonderliche  Aufregung  hätte  diskutieren
können,  wenn  nicht  die  bürgerliche  Presse  die  Rede  mit  großem  Lärm
begrüßt  und  Vollmar  laut  als  den  Mann  gepriesen  hätte,  der  die  Sozial-
            
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