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Einige Blätter haben den Wortlaut der Rede etwas anders gegeben,
aber der Sinn ist überall der gleiche, überall kehrt die Betonung der
Pflicht wieder, gegebenenfalls auf die eigenen Angehörigen zu schießen
oder zu stechen, und eine amtliche Abstreitung oder Berichtigung der Rede
ist nicht erfolgt. Zudem sprach die Rede ja auch nur aus, was der Sache
nach allerdings im Fahneneid eingeschlossen ist und der ganzen Stellung
des Leeres im Milirärstaat entspricht. Man redet nur meist nicht gern davon.
Wenn Wilhelm II. es doch tat, so mußte man daraus folgern, daß sein
Geist sich mit dem Gedanken an solche Möglichkeiten trug, die sich die
Phantasie dann sehr verschieden ausmalen konnte. Dann erfolgte wieder,
am 24. Februar 1892, die Rede auf dem Brandenburgischen Provinzial-
landtage, worin es hieß, daß die „Nörgler" das beste tun würden, wenn
sie „den deutschen Staub von ihren Pantoffeln schüttelten und sich unseren
elenden und jammervollen Zuständen auf das schleunigste entzögen". Muß
man auch bei geschichtlicher Wertung all dieser Reden sich vor Augen
halten, daß sie zum Teil mehr momentane Ausschweifungen eines noch
unausgereiften Geistes waren, als sie eine beharrlich festgehaltene Politik
zur Grundlage hatten, so war die unmittelbare Wirkung, sobald sie bekannt
wurden, doch eine andere. So konnte nur ein Monarch sprechen, der eine
Auffassung von seiner Stellung im Staate hatte, die mit dem Grund
satz des Selbstbestimmungsrechtes der Völker im entschiedensten Widerspruch
stand. Für die Sozialdemokratie ein Anlaß, ihrerseits nun um so stärker
jenen Grundsatz zu betonen und allen Arbeiterfreundlichkeit zur Schau
tragenden Maßnahmen der Regierung ein gesteigertes Mißtrauen ent
gegenzusetzen.
Es war um diese Zeit, daß Georg von Vollmar durch einen Vortrag,
den er am 1. Juni 1891 in einer Parteiversammlung der Sozialdemokraten
Münchens hielt, einen kleinen Sturm in der Partei entfesselte. Der Vortrag
behandelte das Thema „Die nächsten Aufgaben der Sozialdemokratie",
und Vollmar entwickelte darin, daß trotz allen Schwankens der Regierung
eine Abwendung von der Bismarckschen Politik deutlich zu erkennen sei.
Die nunmehr wieder auf den allgemeinen Rechtsboden gestellte Sozial
demokratie müsse diese Politik auf die Probe stellen. Ohne die allgemeinen Ziele
der Partei aus dem Auge zu lassen und unter Festhaltung ihrer Grundsätze
empfehle es sich daher, die Kraft zunächst auf den Kampf für die Fortführung
des Arbeiterschuhes, insbesondere für den Normalarbeitstag, Sicherstellung
des Koalitionsrechtes der Arbeiter, strenge Unparteilichkeit der Behörden
bei Lohnkämpfen der Arbeiter, Schaffung eines freien Vereinsrechtes mit
der Gewährung von Korporationsrechten an die Arbeiter, Gesetzgebung
gegen die preissteigernden Syndikate und Beseitigung der Lebensmittelzölle zu
konzentrieren. Genügten einst Leidenschaft und unbeugsamer Trotz für den
Kampf, so handle es sich jetzt vor allem um Besonnenheit, kluges Abwägen
und zähe 2lusdauer. „Dem guten Willen die offene Land, dem schlechten
die Faust." Zm Vorbeigehen flocht Vollmar einige kritische Bemerkungen
gegen übertriebene Angriffe auf den Dreibund ein, der als Mittel, den
Frieden zu erhalten, etwas „verhältnismäßig Nützliches" sei. Das waren
nun alles Dinge, über die man ohne sonderliche Aufregung hätte diskutieren
können, wenn nicht die bürgerliche Presse die Rede mit großem Lärm
begrüßt und Vollmar laut als den Mann gepriesen hätte, der die Sozial-