Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

6

der  Grundsätze  des  Parteiprogramms  und  Anterstützung  der  Partei  abhängig
gemacht,  ohne  daß  für  letzteres  ein  bestimmter  Beitrag  vorgeschrieben  wurde.
Den  Parteigenossen  in  den  einzelnen  Wahlkreisen  wurde  aufgetragen,  Vertrauensmänner ­
  zu  ernennen,  die  Zahl  und  der  Wahlmodus  aber  ihrem
Ermessen  anheimgestellt.  Die  Parteileitung  wurde  aus  zwei  Vorsitzenden
(August  Bebel  und  Paul  Singer),  zwei  Schriftführern  (Ignaz  Auer  und
Richard  Fischer),  einem  Kassierer  (Albin  Gerisch)  und  sieben  Kontrolleuren
zusammengesetzt,  zum  offiziellen  Parteiorgan  ward  das  „Berliner  Volksblatt"
bestimmt,  das  vom  1.  Januar  1891  an  den  Titel  „Vorwärts"  erhielt.  Von
weiteren  Angelegenheiten,  die  den  Kongreß  beschäftigten,  sind  die  Auseinandersetzungen ­
  mit  den  Vertretern  der  als  Bewegung  der  „Jungen"
bekannt  gewordenen  Opposition  zu  erwähnen,  die  aber  hier  noch  zu  keiner
entscheidenden  Beschlußfassung  führten.  Doch  zeigte  sich  schon,  daß  die
große  Mehrheit  der  Partei  der  Opposition  feindlich  gegenüberstand.  Einige
Anklagen  mehr  persönlicher  Natur,  die  Wilhelm  Werner,  der  meistgenannte
Wortführer  der  Opposition  in  Berlin,  gegen  die  Neichstagsfraktion  der
Partei  und  deren  Mitglied  Karl  Grillenberger  vorgebracht  hatte,  wurden
von  einer  vom  Kongreß  eingesetzten  Antersuchungskommission  einstimmig  für
unbegründet  erklärt,  und  der  Kongreß  schloß  sich  dem  Arteil  der  Kommission
mit  allen  gegen  24  Stimmen  an.  Eine  Resolution,  die  entgegen  dem
Tadel  der  Opposition  das  Verhalten  der  Reichstagsfraktion  guthieß,  wurde
sogar  gegen  den  einzigen  Werner,  der  sich  der  Abstimmung  enthielt,  einstimmig ­
  angenommen.
Der  zweite  Kongreß  der  Partei  brachte  nun  in  der  Frage  der  Opposition ­
  die  Entscheidung.  Er  tagte  vom  14.  bis  20.  Oktober  1891  in  Erfurt
und  hatte  als  wichtigste  Gegenstände  die  Frage  der  Taktik  und  die  Frage
des  Parteiprogramms  auf  der  Tagesordnung.  In  letzterer  Linsicht  wurde
mit  wenigen  Abänderungen  der  von  der  Redaktion  der  „Neuen  Zeit"
(Karl  Kautsky,  zum  Teil  unter  Mitwirkung  von  Ed.  Bernstein)  ausgearbeitete ­
  Entwurf  einstimmig  angenommen,  in  bezug  auf  die  Frage  der
Taktik  fand  eine  von  Bebel  beantragte  Resolution  einstimmige  Annahme,
die  in  den  Sähen  gipfelte,  daß  die  Eroberung  der  politischen  Macht  das
Hauptziel  der  Partei  sei,  aber  nicht  das  Werk  eines  Augenblicks  oder
Frucht  momentan  gelungener  Überrumpelung  der  Gegner  sein,  sondern
nur  durch  zähe  und  ausdauernde  Arbeit  und  geschickte  Benutzung  aller
Mittel  und  Wege  der  Propaganda  erreicht  werden  könne;  daß  kein  Grund
vorliege,  die  bisherige  Taktik  der  Partei  zu  ändern,  und  daß  die  Partei
von  ihren  Vertretern  verlange,  fest  und  entschieden  im  Sinne  des  Parteiprogramms ­
  zu  handeln  und,  ohne  auf  die  Erlangung  von  Konzessionen
seitens  der  herrschenden  Klassen  zu  verzichten,  immer  das  ganze  und  letzte
Ziel  der  Partei  im  Auge  zu  haben.
Nach  der  Absicht  des  Antragstellers  richtete  sich  die  Resolution  gleichzeitig ­
  gegen  den  Radikalismus  der  Opposition  wie  gegen  den  Geist  der
Vollmarschen  Reden.  Nachdem  Vollmar  dargelegt  hatte,  daß  er  einen
Unterschied  zwischen  den  Sätzen  der  Resolution  und  seinen  Ausführungen
nicht  finden,  dieser  vielmehr  durchaus  zustimmen  köime,  wurde  ein  Zusah
beantragt,  der  direkt  eine  Ablehnung  der  von  Vollmar  entwickelten  Taktik
aussprach;  er  ward  indes  nach  Beendigung  der  sehr  eingehenden  Debatte
zurückgezogen.  Die  Auseinandersetzung  mit  der  Opposition  hatte  die
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.