Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

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die  Beseitigung  des  Kapitalismus
selbst,  sich  zur  Aufgabe  zu  stellen
hätten.  Das  lautete  hinsichtlich
der  Gewerkschastssache  nicht  sehr
tröstlich,  entsprach  aber  so  sehr  der
in  der  sozialistischen  Arbeiterschaft ­
  Berlins  vorherrschenden
Stimmung,  daß  dieVersammlung
diesen  Darlegungen  begeisterten
Beifall  zollte  und  eine  in  ihrem
Sinne  lautende  Resolution  einstimmig
  annahm.  Nicht  anders
wie  Bebel  sprach  sich  IgnazAuer
am  26.  Januar  1892  in  einer  Versammlung, ­
  die  von  der  Lokalkommission ­
  Berlins  zur  Erörterung ­
  der  Boykottfrage  veranstaltet
worden  war,  über  die  Möglichkeiten ­
  der  Gewerkschaftsbewegung
aus.  Latte  er  doch  schon  im
Juli  1890  in  dem  bemerkenswerten
Artikel  „Gewehr  bei  Fuß!"  dringend ­
  dazu  aufgefordert,  die  Streiklust ­
  einzudämmen,  und  dieselbe
skeptische  Note  klang  in  seinem
Referat  wieder,  das  er  im  Lerbst
1892  auf  dem  Berliner  Parteitag ­
  der  deutschen  Sozialdemokratie ­
  hielt.  Des  weiteren  trug
der  gerade  in  Berlin  stärker  als
anderwärts  spielende  Streit
zwischen  lokalistisch  und  zenttalistisch
  organisierten  Gewerkschaften ­
  viel  dazu  bei,  den  Glauben
an  eine  große  Zukunft  der  Gewerkschaftsbewegung ­
  zu  erschüttern,
und  diese  ungünstige  Stimmung  kommt  in  vielen  Referaten  und  Debatten
zum  Ausdruck,  die  sich  in  jener  Zeit  in  Berlin  mit  der  Gewerkschaftsfrage
befaßten  oder  auf  sie  Bezug  nahmen.
Am  so  eifriger  widmete  man  sich  der  politischen  Agitation  und  Organisation, ­
  und  immer  weiter  in  die  Provinz  hinaus  streckt  sich  Berlins
Sozialdemokratie  ihr  Arbeitsgebiet.  Am  15.  Mai  1892  tagte  in  den
Arminhallen  die  erste  größere  sozialdemokratische  Parteikonferenz
für  Berlin  und  die  Provinz  Brandenburg.  Sie  war  von  54  Delegierten ­
  aus  20  Wahlkreisen  besucht  und  wählte  Fritz  Zubeil  und  Ferdinand
Ewald  zu  ihren  Vorsitzenden.  Ihre  Debatten  drehten  sich  vornehmlich
um  Fragen  der  Agitation  in  den  ländlichen  Bezirken  und  unter  den  Frauen.
Es  ward  beschlossen,  die  drei  bereits  ins  Leben  gerufenen  Zeitungen:
„Brandenburger  Zeitung",  „Märkische  Volksstimme"  und
9*

Die  Agitations-  und  Organisationsleitungen  übernehmen  die
moralische  Verpflichtung,  soweit  das  ohne  Gefährdung  der  örtlichen
Organisationen  möglich  ist,  durch  Ihre  Funktionäre  unter  den  Mitgliedern ­
  und  Anhängern  für  die  Beteiligung  an  den.  Arbeiten  und
der  Agitation  zu  den  nächsten  Reichstagwahlen  zu  wirken.
Um  der  Bewegung  den  Charakter  der  Einheitlichkeit  zu  sichern,
informiert  die  örtliche  Parteileitung  erstere  von  Zeit  zu  Zeit  über
die  wichtigsten  Fragen,  insbesondere  die  der  Taktik.
HB.
In  der  Praxis  hätten  die  Arbeiten  in  folgendem  zu  geschehen:
a)  Beteiligung  an  der  Wahlarbeit,
d)  Agitation  für  den  sozialdemokratischen  Kandidaten,
c)  Agitation  für  Presse  und  Literatur,
et)  Aufbringung  von  Geldmitteln.
t)  Hilfeleistung  und  Besorgung  von  Lokalen  zu  Versammlungen ­
  und  Besprechungen.
IE«.
Um  diese  Tätigkeit  ln.  bie  Wege  zu  letten,  empsiehtt  es  sich:
1.  Dah  die  Gewerkschüstsagitatoren  angewiesen  werden,  in
der  nächsten  Zelt,  ihre  Anhänger  ständig  In  geeigneter
Weise  auf  di«  Wichtigkeit  der  Wahlen  aufmerksam  zu
machen  und  in  allen  Zusammenkünften  ebenfalls  in  ge--igneter
  Welse  nach  dieser  Richtung  hin  zu  wirken;
2.  die  Agitationsleitungen  mögen  in  geeigneter  Form  die
Vorstände  der  örtlichen  Organisationen  für  obige  Tätig,
keil  zu  interessieren  versuchen;
3.  soweit  es  möglich  durch  die  Fachpresse  für  vorstehendes
zu  wirken.
IV.
Um  den  örtlichen  Parteileitungen  alle  Kräfte  zur  Dersüb-ng
stillen  zu  können,  ist  zu  empfehlen,  daß  die  Gewerkschafisvorständc
jedes  einzelnen  Ortes  alle  vertrauenswürdigen  Mitglieder  bezeichnen ­
  —  insbesondere  in  Dörfer»  —  um  diese  als  Stützpunkte
bei  der  Hausagklation  und  Flugschriftcnvcrbrciliing  verwenden  zu
können.  Falls  mehrere  an  einem  Orte  wohne«,  sind  sic  l»  persönliche ­
  Verbindung  zu  bringen.
V.
Diese  Regeln  wollen  die  Organisationen  nach  Möglichkeit
versuchen,  inne  zu  halten.  Die  Durchführung  derselben,  unter
Anpassung  der  Eigenart  des  Berufes  ist  "Aufgabe  jeder  Orgautsation
  selbst.

v«urcr»D>tum>».«

64.  Zirkular  an  die  Vertrauensmänner
in  der  Provinz  Brandenburg
            
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