Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

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An  die  in  Aerlin  und  Umgegend  beschäftigten
Aau-  und  Krdarbeiter  polnischer  Hlatlonalität!

Werte  ArbritSbrüder!
Wir  sehen  uns  veranlaßt,  an  Euch,  unsere  ArbeitLbrüder,
ein  ernste»  Wort  zu  richten,  um  mit  Euch  gemeinsam  zu
raten  und  zu  taten,  wa-  zu  tun  ist,  um  der  herrschenden  Not
und  dem  Elend  unter  unk  Bau-  und  Erdarbeitern  abzuhelfen.
Sehen  wir  unS  doch  um  in  dieser  Welt,  und  wir  werden
finden,  daß  gerade  wir,  die  ungelernten  Arbeiter  es  sind,  welche
am  meisten  von  den  Unternehmern  ausgebeutet  werden,  daß
gerade  wir  eine  Arbeitszeit  haben,  die  eine  menschliche  oft
nicht  zu  nennen  ist.  Stehen  wir  doch  von  Sonnenaufgang  zu
Sonnenuntergang  in  der  Knechtschaft  des  AusbeutertumS  und
des  Kapitals.  Jeder  von  uns  spürt  doch  wohl  die  Folgen  der
langen,  überlangen  Arbeitszeit  fetbst  am  eigenen  Leibe,  zumal
wir  auch  sonst  noch  allen  Unbilden  der  Witterung  schutzlos
preisgegeben  sind.
Und  nun  unser  Lohn!  Ist  denn  dieser  derart  gestaltet,
daß  er  «in  menschenwürdiger  zu  nennen  ist?  Erlaubt  er  unS,
als  Mensch  zu  existieren?  Gerade  da«  Gegenteil  ist  der  Fall.
Während  wir  auf  der  einen  Seite  sehen,  daß  Reichtum  über
Reichtum  angehäuft  wird,  sind  wir  bei  unserer  schweren  Arbeit
verpflichtet,  ein  Leben  zu  führen,  da«,  mit  einem  Wort  gesagt,
eines  Menschen  unwürdig  ist.
Und  dav  alle«  noch,  so  lange  wir  Arbeit  haben.  Tritt
aber  erst  Arbeitslosigkeit,  dir  wiedenlm  nichts  seltenes  bei  uns
»st,  ein.  dann  erst  zeigt  sich  das  wahre  Schreckgespenst,  dei
Hunger,  als  unser  täglicher  Gast.  Bei  d'eser  ungenügenden,
unzureichenden,  unbeständigen  Lebensweise  ist  md  muß  Krankheit
und  ein  frühes  Siechtum  die  ganz  natürliche  Folge  sein.
Zwar  hat  es  rin  sehr  großer  Teil  der  deutschen  Arbeiterschaft ­
  bisher  verstanden,  sich  zusammenzuschließen,  zu  organi.
sieren.  und  wir  finden  auch,  daß  in  den  Gewerkschaften  und
Arbeiterklasien,  wo  starke  Organisationen  bestehen,  die  Behandlung ­
  sowie  die  Entlohnung,  kurz  die  ganze  Lebenshaltung  dieser
Arbeiter  durch  die  Macht  der  Organisationen  eine  bedeutend
bessere  geworden  ist.  Auch  bei  den  ungelernten  Arbeitern,  bei
unS  Bau-  und  Erdarbeitern,  macht  sich  der  Organisationsgedanke
immer  mehr  bemerkbar,  und  hat  die  bestehende  Organisation,
der  Verband  der  Bau-,  Erd-  und  gewerblichen  Hilfsarbeiter,  in
den  letzten  Jahren  auch  bedeutendes  geleistet,  indem  die
Löhne  der  Bauarbeiter  durch  sie  vertraglich  festgelegt  sind,  aber
ein  sehr  großer  Teil,  darunter  auch  Ihr  Arbeitsbrüder,  steht
der  Organisation  immer  noch  indifferent  gegenüber.

Gerade  aber  Euren  JndifferentismuS  nützt  das  Unternehmertum ­
  erst  recht  dazu  aus.  Euch  direkt  zu  'malträtieren.
Euch  Löhne  zu  zahlen,  die,  bei  Licht  besehen,  zum  Verhungern
zu  viel,  aber  zum  Leben  zu  wenig  sind.  Während  das  Unternehmertum ­
  durch  die  Macht  der  Organisation  der  Bau-  und
Erdarbeiter  gezwungen  ist,  hierorts  den  Arbeitern  einen  Slundenlohn
  von  48  Pf.  zu  garantieren,  erlaubt  man  sich.  Euch,
polnische  Arbeitöbrüdcr,  ungeniert  einen  solchen  von  35,
30  Pf.  und  darunter  zahlen  zu  können.
Um  aber  dieses  Ausbeuterwerk  ungestört'bewerkstelligen  zu
können,  schürt  man  den  Nationalitätenhaß  zwischen  uns,  indem
man  Euch,  Arbeitsbrüder,  weismachen  will,  daß  wir,  die
deutschen  ArbritSbrüder,  Eure  größten  Feinde  sind,  daß  wir
Euch  Haffen,  Euch  verachten  und  vertreiben  wollen.  •  Aber,
ArbritSbrüder,  blickt  um  Euch,  und  Ihr  werdet  finden,  daß
gerade  das  Gegenteil  der  Fall  ist.  Ihr  werdet  finden,  daß
die  deutschen  und  die  polnischen  Arbeiter  zusammenhalten
muffen,  daß  sie  gemeinsame  Leidensgefährten  und  Kampfgenossen ­
  für  eine  bessere  Zukunft  sind.  Die  klassenbewußte
Arbeiterschaft  kennt  keine  nationalen  Unterschiede,  sie  fordert
für  alles,  waS  Menschenantlitz  trägt,  gleiches  Recht  und  gleiche
Freiheit.  Sie  fordert  für  alles,  was  Mcnschenantlitz  trägt,
gleichmäßige,  menschenwürdige  Lohn-  und  Arbeitsbedingungen.
Um  dieses  zu  erreichen,  Arbeitöbrüdcr,  reichen  wir  uns  die
Hände,  schließen  wir  uns  zusammen  und  kämpfen  wir  Schulter
an  Schulter  gegen  unseren  gemeinsamen  Feind,  gegen  däö  uns
gemeinsam  ausbeutende  Unternehmertum.  Vereinzelt  sind  wir
nichts,  geschlossen  aber  eine  Macht,  mit  der  auch  das  Unternehmertum ­
  zu  rechnen  hat.  Darum  sei  unser  Wahlspruch:
„Alle  für  einen  und  einer  für  alle".  Dieses  können  wir  nur,
wenn  wir  uns  gemeinsam  organisieren.
ArbritSbrüder  t  Der  Verband  der  Bau-,  Erd-  und  gewerblichen ­
  Hilfsarbeiter  ist  rin  Hort  aller  Schwächen  und  Bedrückten, ­
  er  gewährt  uns>  Rat  und  Schutz  in  allen  Fragen,  die
auS  dem  Arbeitsverhältnis  hervorgehen.  Treten  .wir  deshalb
ein  in  diesen  Verband,  um  so  gemeinsam  für  unser  und  unserer
Familien  Wohl  und  Wehe  kämpfen  zu  können.
Hoch  die  Einigkeit  der  Bau-  und  Erdarbeiter
aller  Nationen!
Hoch  der  Verband  der  Ban-,  Erd-  und  gewerblichen ­
  Hilfsarbeiter!

Verlag:  klar!  Heibrmann,  Berlin.  —  Druck  von  C.  JaniSze«.'0l>.  Berlin.

124  und  125.  Polnisch-deutsches  Flugblatt  an  die  polnischen  Bau-  und  Erdarbeiter
            
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