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An die in Aerlin und Umgegend beschäftigten
Aau- und Krdarbeiter polnischer Hlatlonalität!
Werte ArbritSbrüder!
Wir sehen uns veranlaßt, an Euch, unsere ArbeitLbrüder,
ein ernste» Wort zu richten, um mit Euch gemeinsam zu
raten und zu taten, wa- zu tun ist, um der herrschenden Not
und dem Elend unter unk Bau- und Erdarbeitern abzuhelfen.
Sehen wir unS doch um in dieser Welt, und wir werden
finden, daß gerade wir, die ungelernten Arbeiter es sind, welche
am meisten von den Unternehmern ausgebeutet werden, daß
gerade wir eine Arbeitszeit haben, die eine menschliche oft
nicht zu nennen ist. Stehen wir doch von Sonnenaufgang zu
Sonnenuntergang in der Knechtschaft des AusbeutertumS und
des Kapitals. Jeder von uns spürt doch wohl die Folgen der
langen, überlangen Arbeitszeit fetbst am eigenen Leibe, zumal
wir auch sonst noch allen Unbilden der Witterung schutzlos
preisgegeben sind.
Und nun unser Lohn! Ist denn dieser derart gestaltet,
daß er «in menschenwürdiger zu nennen ist? Erlaubt er unS,
als Mensch zu existieren? Gerade da« Gegenteil ist der Fall.
Während wir auf der einen Seite sehen, daß Reichtum über
Reichtum angehäuft wird, sind wir bei unserer schweren Arbeit
verpflichtet, ein Leben zu führen, da«, mit einem Wort gesagt,
eines Menschen unwürdig ist.
Und dav alle« noch, so lange wir Arbeit haben. Tritt
aber erst Arbeitslosigkeit, dir wiedenlm nichts seltenes bei uns
»st, ein. dann erst zeigt sich das wahre Schreckgespenst, dei
Hunger, als unser täglicher Gast. Bei d'eser ungenügenden,
unzureichenden, unbeständigen Lebensweise ist md muß Krankheit
und ein frühes Siechtum die ganz natürliche Folge sein.
Zwar hat es rin sehr großer Teil der deutschen Arbeiterschaft
bisher verstanden, sich zusammenzuschließen, zu organi.
sieren. und wir finden auch, daß in den Gewerkschaften und
Arbeiterklasien, wo starke Organisationen bestehen, die Behandlung
sowie die Entlohnung, kurz die ganze Lebenshaltung dieser
Arbeiter durch die Macht der Organisationen eine bedeutend
bessere geworden ist. Auch bei den ungelernten Arbeitern, bei
unS Bau- und Erdarbeitern, macht sich der Organisationsgedanke
immer mehr bemerkbar, und hat die bestehende Organisation,
der Verband der Bau-, Erd- und gewerblichen Hilfsarbeiter, in
den letzten Jahren auch bedeutendes geleistet, indem die
Löhne der Bauarbeiter durch sie vertraglich festgelegt sind, aber
ein sehr großer Teil, darunter auch Ihr Arbeitsbrüder, steht
der Organisation immer noch indifferent gegenüber.
Gerade aber Euren JndifferentismuS nützt das Unternehmertum
erst recht dazu aus. Euch direkt zu 'malträtieren.
Euch Löhne zu zahlen, die, bei Licht besehen, zum Verhungern
zu viel, aber zum Leben zu wenig sind. Während das Unternehmertum
durch die Macht der Organisation der Bau- und
Erdarbeiter gezwungen ist, hierorts den Arbeitern einen Slundenlohn
von 48 Pf. zu garantieren, erlaubt man sich. Euch,
polnische Arbeitöbrüdcr, ungeniert einen solchen von 35,
30 Pf. und darunter zahlen zu können.
Um aber dieses Ausbeuterwerk ungestört'bewerkstelligen zu
können, schürt man den Nationalitätenhaß zwischen uns, indem
man Euch, Arbeitsbrüder, weismachen will, daß wir, die
deutschen ArbritSbrüder, Eure größten Feinde sind, daß wir
Euch Haffen, Euch verachten und vertreiben wollen. • Aber,
ArbritSbrüder, blickt um Euch, und Ihr werdet finden, daß
gerade das Gegenteil der Fall ist. Ihr werdet finden, daß
die deutschen und die polnischen Arbeiter zusammenhalten
muffen, daß sie gemeinsame Leidensgefährten und Kampfgenossen
für eine bessere Zukunft sind. Die klassenbewußte
Arbeiterschaft kennt keine nationalen Unterschiede, sie fordert
für alles, waS Menschenantlitz trägt, gleiches Recht und gleiche
Freiheit. Sie fordert für alles, was Mcnschenantlitz trägt,
gleichmäßige, menschenwürdige Lohn- und Arbeitsbedingungen.
Um dieses zu erreichen, Arbeitöbrüdcr, reichen wir uns die
Hände, schließen wir uns zusammen und kämpfen wir Schulter
an Schulter gegen unseren gemeinsamen Feind, gegen däö uns
gemeinsam ausbeutende Unternehmertum. Vereinzelt sind wir
nichts, geschlossen aber eine Macht, mit der auch das Unternehmertum
zu rechnen hat. Darum sei unser Wahlspruch:
„Alle für einen und einer für alle". Dieses können wir nur,
wenn wir uns gemeinsam organisieren.
ArbritSbrüder t Der Verband der Bau-, Erd- und gewerblichen
Hilfsarbeiter ist rin Hort aller Schwächen und Bedrückten,
er gewährt uns> Rat und Schutz in allen Fragen, die
auS dem Arbeitsverhältnis hervorgehen. Treten .wir deshalb
ein in diesen Verband, um so gemeinsam für unser und unserer
Familien Wohl und Wehe kämpfen zu können.
Hoch die Einigkeit der Bau- und Erdarbeiter
aller Nationen!
Hoch der Verband der Ban-, Erd- und gewerblichen
Hilfsarbeiter!
Verlag: klar! Heibrmann, Berlin. — Druck von C. JaniSze«.'0l>. Berlin.
124 und 125. Polnisch-deutsches Flugblatt an die polnischen Bau- und Erdarbeiter