Full text: Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

352 
anstaltete Untersuchung ergab, daß die Schuld bei den Beschwerdeführern 
oder deren Beauftragten lag, verstummte diese Anklage. Aber es gab auch 
Beschwerden, die nicht völlig unbegründet waren. Die Friedensabmachungen 
waren in bezug auf die Unterbringung der Ausgesperrten günstiger aus 
gelegt worden, als sich die Sache in der Praxis gestaltete. Man war eben 
beim Friedensschluß schon mitten in der Mälzungsperiode, und da die 
Arbeitswilligen von ihm nicht ausgeschlossen waren, konnte auch nur ein 
geringer Teil der Ausgesperrten alsbald wieder in den Ringbrauereien eingestellt 
werden. Roesicke und einige Gleichgesinnte im Brauereiring hatten es bei 
ihren Kollegen nicht viel besser, wie Auer, Singer und Genossen bei 
einem Teil der Arbeiter. Kurz, die Leiter des Brauereirings erklärten, daß 
sie zwar den Ausgesperrten, die sich als einzelne an sie wenden würden, 
nach Möglichkeit zur Beschäftigung verhelfen wollten, den Organisationen 
gegenüber aber auf dem Buchstaben des Vertrags bestehen müßten. Das 
führte zu neuen Diskussionen in der Presse, und immer schärfer hatte der 
„Vorwärts" die Versuche der außerhalb des Ringes stehenden Brauereien 
und ihrer Verbündeten zurückzuweisen, aus diesen Diskussionen Kapital zu 
schlagen und die Gegensätze von neuem zu schüren. Ein Artikel „Nach 
klänge vom Boykott" in seiner Nummer vom 3. Januar 1895 ist für die 
Beurteilung der Interessenkämpfe, die mit dem Boykott verbunden waren, 
außerordentlich interessant. 
Von anderen Artikeln über die Bilanz des Boykotts sind ein 
Artikel Lermann Mattutats im damaligen Wochenblatt der Partei, des 
„Sozialdemokrat", sowie ein Aufsatz Ignaz Auers „Rückblicke auf 
den Bierboykott" im „Sozialpolitischen Zentralblatt" vom 31. Dezember 
1894 besonders bemerkenswert. Mattutats Artikel kann als die Formulierung 
der Auffassung der großen Mehrheit der Berliner Gewerkschaftskommission 
betrachtet werden. Mattutat wie Auer bezeichneten unumwunden den Rixdorfer 
Beschluß vom 6. Mar 1894, der den Boykott herbeigeführt hatte, als eine 
große Torheit und erklärten es für einen zu bekämpfenden Mißstand, so 
folgenschwere Entscheidungen den Zufälligkeiten von Volksversammlungen 
zu überlassen, deren Teilnehmer sich in ihrer Mehrheit der Verantwortung, 
die sie mit ihren Abstimmungen auf sich nehmen, im Moment meist gar 
nicht bewußt seien, sondern bloß ihrer Stimmung folgten, wobei Mattutat 
es scharf rügte, daß so viele Arbeiter sich noch durch tönende Worte be 
einflussen ließen. Beide Verfasser betonen ferner scharf die Gefahren eines 
zu weit getriebenen Optimismus, der sich in Überschätzung der eigenen und 
Llnterschätzung der gegnerischen Kräfte ergeht. Auer bezeichnet es des 
weiteren als eine aus dem Kampfe zu ziehende Lehre, daß es „noch nicht 
genug ist, einen Kampf mit aller Energie und Bravour zu führen, sondern 
-aß auch in diesem Falle sich der Meister in der Bescheidung zeigt". „Der 
Zweck des Kampfes", schreibt er, „ist der Friede. Gewiß, nicht der schimpfliche 
Friede, oder der Friede um jeden Preis, immerhin aber der ehrliche und an 
ständige Friede." Dieser Friede sei aber hier schon im September zu erreichen 
gewesen, als die Brau- und Mälzungsperiode noch bevorstand, die Situation 
für die Ausgesperrten also viel besser war, wie drei Monate später. Die 
Zusage der Brauherren, die Ausgesperrten in ihre Betriebe nach Bedarf 
an erster Stelle wieder aufzunehmen, hätte im September einen praktischen 
'Wert gehabt, habe jetzt aber „fast nur mehr eine theoretische Bedeutung".
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.