Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

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Jahre  1894  von  87  Organisationen  nur  20,  oder  weniger  als  ein  Viertel,
weibliche  Mitglieder  hatten.  Die  Frau  ist  in  der  Gewerkschaftsbewegung
heimisch  geworden,  hat  hier  Bürgerrechte  erworben  und  wird  auch  als  gleichberechtigt ­
  anerkannt.  Wie  von  ihrem  ersten  Tage  an  hat  die  Gewerkschastskommission
  auch  die  ganze  Zeit  über  Vertreter  der  Arbeiterinnen  in  ihrer
Mitte  gezählt.
Im  Lerbst  1892  ward  von  neuem  ein  Frauen-Bildungsverein
sozialistischer  Tendenz  ins  Leben  gerufen.  Seine  Gründung  erfolgte  am
24.  Oktober  1892  in  einer  großen  Versammlung,  die  von  der  Agitationskommission ­
  für  Frauen  veranstaltet  war  und  August  Bebel  zum  Referenten ­
  hatte.  Der  Verein,  dessen  erste  Vorsitzende  Frau  Leuschner  wurde,
entfaltete  eine  rege  Tätigkeit.  Er  gründete  in  dem  Stadtteil  Moabit  und  in
einigen  Vororten  (Friedrichsberg,  Weißensee)  Filialen,  hielt  in  anderen
Wanderversammlungen  ab  und  sorgte  für  gute  Vorträge  aus  den  verschiedenen
Wissensgebieten.  Jm  März  1893  beschloß  der  allgemeine  Arbeiterinnenverein, ­
  sich  mit  dem  Bildungsverein  zu  vereinigen,  und  dieser  änderte,  um
die  Vereinigung  möglich  zu  machen,  seine  Statuten  entsprechend  ab.  Sein
Vorstand  wurde  erweitert  und  der  Verein  arbeitete  noch  zwei  Jahre  ruhig
weiter,  als  im  Frühjahr  1895  die  mittlerweile  wieder  anders  abgestimmte
Polizei  „auflösend"  dazwischen  fuhr.  Es  war  die  Zeit,  wo  die  Amsturzvorlage ­
  auf  der  Tagesordnung  stand.  An  die  Vereine  der  männlichen  Arbeiter ­
  ging  man  noch  nicht  heran,  mit  denen  der  Arbeiterinnen  glaubte  man
kürzeren  Prozeß  machen  zu  können.  Der  scharfe  Wind  kam  damals  vom
Westen  her,  aus  den  Gebieten  der  Eisenmagnaten.  In  Düsseldorf  ward
1894  die  dortige  Frauenagitationskommission  für  einen  Verein  erklärt  und
aufgelöst,  und  es  stand  außer  Zweifel,  daß  man  in  Berlin  dem  Beispiel
folgen  würde.  Ein  Teil  der  Genossinnen  war  sogar  der  Ansicht,  man  solle
die  polizeiliche  Auflösung  gar  nicht  erst  abwarten,  sondern,  nachdem  das
Erkenntnis  der  Düsseldorfer  Richter  rechtskräftig  geworden  war,  selbst  die
Kommission  auflösen  und  statt  ihrer  einzelne  Vertrauenspersonen  wählen.
Das  schien  aber  anderen  der  Polizei  zu  weit  entgegengekommen,  es  sei
richtiger,  unerschrocken  abzuwarten,  was  die  Berliner  Polizeigewaltigen  tun
würden,  und  eine  große  Frauenversammlung,  der  die  Frage  vorgelegt  wurde,
entschied  mit  großer  Mehrheit  in  letzterem  Sinne.  Statt  freiwillig  abzutteten,
  veranstaltete  die  Agitationskommission  eine  ganze  Reihe  von  Protestversammlungen ­
  gegen  die  Amsturzvorlage  und  —  ward  daraufhin  am
19.  Februar  1895  richtig  von  der  Polizei  für  einen  „politischen  Verein"  erklärt
und  aufgelöst.  Dabei  ging  es  natürlich  nicht  ohne  peinliche  Laussuchungen
ab,  die  auf  die  leitenden  Mitglieder  des  Bildungsvereins  für  Frauen
ausgedehnt  wurden,  und  am  30.  März  1895  ward  der  damaligen  ersten
Vorsitzenden  des  Vereins,  Frau  Anna  Mesch,  von  Polizei  wegen
mitgeteilt,  daß  der  Verein  für  „politisch"  befunden  und  demgemäß  auf
Grund  des  Vereinsgesehes  von  1850  aufgelöst  sei.  So  sehr  wurde,  um
das  Verbot  möglich  zu  machen,  der  Begriff  des  Politischen  gedehnt,  daß
eine  Erörterung  der  Frage  der  Abänderung  der  Gesindeordnung  für
eine  politische  Erörterung  erklärt  wurde.  And  mit  Bezug  auf  die
Agitationskommission  wurde  wiederum  der  Begriff  „Verein"  so  gedehnt,
daß  es  für  gleichgültig  erklärt  wurde,  ob  die  Kommission  „Vorsteher,  Ordner
oder  Leiter"  gehabt  habe  oder  nicht,  ein  Verein  könne  auch  ohne  dergleichen
            
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