Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

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Vorträge  gehalten  wurden.  Am  diese  Zeit  konnte  man  auch  dazu  übergehen, ­
  größere  und  besser  ausgestattete  Theater  zu  mieten.
Größere  Erregung  als  dieser  Eingriff  von  außen  hatte  eine  innere
Krisis  zur  Folge,  zu  der  es  im  Sommer  1892  kam.  Bis  dahin  hatte  die
Leitung  der  „Freien  Volksbühne"  überwiegend  aus  Personen  bestanden,
welche  zu  den  „Jungen"  der  deutschen  Sozialdemokratie  gehörten  und  nach
dem  Erfurter  Parteitag  vom  Oktober  1891  sich  der  Gruppe  der  „Anabhängigen" ­
  angeschlossen  hatten.  Bruno  Wille,  der  Vorsitzende,  Bernhard
Kampffmeyer,  der  Schriftführer,  und  Karl  Wildberger,  der  Kassierer
der  „Freien  Volksbühne",  waren  leitende  Mitglieder  der  Bewegung  der
„Anabhängigen",  in  deren  Organ,  „Der  Sozialist",  wie  in  ihren  Versammlungen ­
  die  Partei  auf  das  schärffte  bekämpft  wurde.  Die  übergroße
Masse  der  Mitglieder  aber  gehörten  der  sozialdemokratischen  Partei  an,
und  so  wurde  es  geradezu  unvermeidlich,  daß  die  Gegensätze  in  der  einen
oder  der  anderen  Form  auch  hier  zu  Zusammenstößen  führten,  da  viele
Parteimitglieder  es  unangenehm  empfanden,  einen  Vorstand  zu  haben,
dessen  Mehrheit  in  ihren  Augen  Abtrünnige  der  Partei  waren.  Indes
scheute  man  doch  davor  zurück,  Wille  seines  Amtes  zu  entsetzen,  da  man
ihm  Verdienste  um  die  „Freie  Volksbühne,"  die  ja  in  gewissem  Sinne
sein  Kind  war,  weder  bestreiten  konnte  noch  mochte.  Dagegen  ward  in
der  Generalversammlung  vom  14.  Juli  1892,  während  Wille  einstimmig
wiedergewählt  wurde,  wenigstens  an  Stelle  Karl  Wildbergers  ein  Mitglied ­
  der  sozialdemokratischen  Partei,  der  Kaufmannsgehilfe  Julius  Türk,
zum  Kassierer  ernannt.
Damit  war  indes  der  Pecht  in  den  Karpfenteich  gesetzt.  Julius  Türk,
damals  ein  eifriger  Sozialdemokrat  und  literarisch  nicht  unbegabt,  kam  bald
mit  Wille  und  Kampffmeyer  in  Konflikt,  und  als  der  Streit  weitere  Kreise
zog,  riefen  diese  in  einem  gegen  Türk  gerichteten  Flugblatt  die  Mitglieder
zu  Schiedsrichtern  an.  In  einer  zur  Besprechung  des  Konflikts  einberufenen
Generalversammlung,  die  am  4.  Oktober  1892  stattfand,  warfen  sie  Türk
und  dessen  Parteigängern  vor,  sie  wollten  die  „Freie  Volksbühne",  die  doch
lediglich  eine  volkspädagogische  Bildungsstätte  sein  sollte,  zu  einer  „parteipolitischen ­
  Anstalt"  machen,  eine  Anklage,  die  von  der  Gegenseite  als  eine
Denunziation  betrachtet  und  bezeichnet  wurde  und  Proteste  gegen  die
„Äcrrschaft  des  Literatentums"  in  der  „Freien  Volksbühne"  hervorrief.  Bis
tief  in  die  Nacht  zog  sich  die  sehr  erregte  Debatte  hin  und  ward  dann  auf
den  11.  Oktober  vertagt.  Als  in  dieser  zweiten  Versammlung  verhältnismäßig ­
  früh  Debatteschluß  angenommen  wurde,  obwohl  Wille  erklärt  hatte,
Kampffmeyer  habe  noch  wichtige  Tatsachen  anzuführen,  traten  die  zwei
Genannten  unter  Niederlegung  ihrer  Ämter  aus  der  „Freien  Volksbühne"
aus,  desgleichen  sechs  von  den  acht  Mitgliedern  des  Sachverständigen-Ausschusses
  und  eine  große  Anzahl  einfacher  Mitglieder.  Selbst  Leute,
die  im  übrigen  stramm  zur  Partei  hielten,  erklärten  das  gegen  Wille  und
Genossen  beobachtete  Verfahren  nicht  gutheißen  zu  können  und  traten  vorübergehend ­
  aus  der  „Freien  Volksbühne"  aus.  Ebenso  nahm  fast  die  gesamte ­
  bürgerliche  Presse  für  Wille  Partei.  Aber  hier  sprach  meist  nicht  echte
Anparteilichkeit,  sondern  Feindschaft  gegen  die  Sozialdemokratie  das  Arteil.
Wille  und  seine  Freunde  riefen  nunmehr  eine  „Neue  Freie  Volksbühne"
mit  einem  Statut  ins  Leben,  das  einen  erheblich  weniger  demokratischen
            
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