Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

Gegenmaßregeln  der  Arbeiter
reißen  hier  und  dort  Gewerkschaften ­
  zu  ungelegener
Zeit  in  kostspielige  Kämpfe
hinein,  und  die  Gewerkschaftsleitungen ­
  warnen  in
Rundschreiben  vor  „unüberlegten ­
  Schritten"  und  „leeren
Demonstrationen"  bei  der
Maifeier  (Rundschreiben  des
Vorstandes  des  Metallarbeiterverbandes ­
  vom  Jahre
1900).  Die  Warnungen  erfahren ­
  übertriebene  Auslegung, ­
  schließlich  wird  jedoch
im  Mai  1905  auf  dem  Kölner
Kongreß  der  freien  Gewerkschaften ­
  Deutschlands  vom
Referenten  Robert  Schmidt
und  anderen  offen  der  Gedanke ­
  ausgesprochen,  die  internationale ­
  Demonstration  für
die  Forderungen  derArbeiterklasse
  statt  von  den  Gewerkschaften ­
  am  Vormittag  allgemein ­
  am  Abend  des
1.  Mai  stattfinden  zu  lassen.
Das  waren  und  sind  freilich  soweit  erst  Vorschläge,  über  die  noch  keine
Entscheidung  getroffen  ist.  Aber  der  Referent  stützte  seinen  Vorschlag  unter
anderem  auf  Zahlenangaben,  wonach  die  Durchführung  der  Arbeitsruhe  in
Deutschland  ohnehin  hinter  dem  Wachstum  der  Arbeiterorganisationen  zurückbleibe, ­
  und  wenn  das  von  ihm  aufgezeigte  Zahlenverhältnis  von  Teilnehmern ­
  an  der  Arbeitsruhe  und  Mitgliedern  der  Organisationen  nicht  für
Berlin  zutrifft,  das  Verhältnis  vielmehr  hier  ein  günstigeres  ist,  als  im
Durchschnitt  Deutschlands,  so  ist  doch  auch  hier  in  verschiedenen  Gewerben
die  gleiche  Tendenz  zu  konstatieren.  Im  Jahre  1903  war  die  Zahl  der
Arbeiter  Berlins,  welche  am  1.  Mai  die  Arbeit  ruhen  ließen,  auf  rund
50  000  gestiegen.  Der  Bericht  der  Berliner  Gewerkschastskommission  hebt
das  mit  Genugtuung  hervor,  und  gewiß  will  diese  Zahl  schon  etwas  heißen.
Aber  die  Zahl  der  Mitglieder  der  an  die  Gewerkschastskommission  angeschlossenen ­
  Organisationen  war  damals  120  000,  und  auf  218  000  belief
sich  die  Zahl  der  Stimmen,  die  bei  der  Reichstagswahl  vom  16.  Juni  1903
allein  in  den  sechs  Wahlkreisen  Berlins  für  die  Kandidaten  der
Sozialdemokratie  abgegeben  wurden.  Im  Jahre  1905  zählten  die  freien
Gewerkschaften  Berlins  224000  Mitglieder,  an  der  Feier  des  1.  Mai
durch  Arbeitsruhe  aber  beteiligten  sich  in  jenem  Jahr  nicht  viel  mehr
Arbeiter,  als  im  Jahre  1903.  Ihre  Zahl  belief  sich  auf  höchstens  60  000,
so  daß  die  Differenz  zwischen  Feiemden  und  Organisierten  bedeutend  zugenommen ­
  hatte.

201.  Maisestbild  1906
            
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