Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

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Das  soll  nicht  verschwiegen  werden.  Trotzdem  wäre  es  jedoch  sehr
voreilig,  aus  dieser  Differenz  auf  eine  abnehmende  Beliebtheit  der  Maifeier
als  Fest  der  Arbeiterklasse  zu  schließen.  Ein  so  großer  Zustrom  von  Mitgliedern, ­
  wie  ihn  die  Gewerkschaften  seit  der  Jahrhundertwende  zu  verzeichnen ­
  hatten,  braucht  eben  Zeit,  um  die  Ideenwelt  in  sich  aufzunehmen,
die  den  Angeworbenen  zum  opferbereiten  Mitkämpfer  im  vollen  Sinne  des
Wortes  macht,  und  grade  in  einer  Reihe  der  größten  Unternehmungen  Berlins
war  die  Arbeitsruhe  aus  den  schon  entwickelten  Gründen  nun  mit  größeren
Opfern  und  Gefahren  verbunden,  als  früher.  Die  absolute  Zahl  der  Teilnehmer
an  der  Maifeier  ist  aber  fast  ohne  Unterbrechung  gestiegen.  Jahre  sehr
starken  Geschäftsdruckcs  haben  ihre  Zunahme  gelegentlich  verlangsamt,  auch
stellt  die  Frage  der  Lokalitäten  der  vollen  Durchführung  der  Maifeier
große  Schwierigkeiten  in  den  Weg.  Masscnumzüge  werden  von  den  Behörden ­
  am  l.  Mai  nicht  geduldet,  größere  Ausflüge  ins  Freie  im  voraus
zu  veranstalten  verbietet  in  dieser  Jahreszeit  das  Klima.  Im  ganzen  fleht
sich  die  Arbeiterschaft  Berlins  daher  für  ihre  Maiveranstaltungcn  auf
Saallokalitäten  angewiesen,  und  diese  stehen  ihr  in  so  großer  Zahl,  als  nötig
wäre,  den  ganzen  Kcerbann  der  Arbeiterbewegung  zu  fassen,  nicht  zur  Verfügung. ­
  Das  zeigt  sich  ja  auch  bei  Veranstaltungen,  wie  Wahlrechtsdemonstrationen, ­
  Proteste  gegen  Polizeiakte  oder  Steuerungerechtigkeiten,  die
durch  die  Unmittelbarkeit  ihres  Zwecks  die  Geister  besonders  lebhaft  anregen.
Stets  fehlt  es  an  der  nötigen  Anzahl  großer  Säle,  und  die  Statistik  der
in  den  gemieteten  Sälen  sich  drängenden  Massen  liefert  immer  mehr  nur
einen  Anzeigcmaßstab  für  die  wirkliche  Werbekraft  des  Demolistrationsgegenstandes. ­

hiernach  ist  auch  die  Teilnahme  an  der  Maifeier  zu  bewerten.  Es  untersteht
nicht  dem  leisesten  Zweifel,  daß  sie  in  den  Kerzen  der  sozialistischen  Arbeiterschaft ­
  tiefe  Wurzel  geschlagen  hat.  Sehen  wir  von  den  ersten  Jahren  ab,
und  nehmen  wir  das  Jahr,  wo  der  Weltfeiertag  der  Arbeit  zuerst  in  der
noch  bestehenden  Anordnung  zwischen  Partei  lind  Gewerkschaften  gefeiert
wurde,  als  Ausgangspunkt,  so  hat  sich  die  Zahl  der  in  Berlin  am  1.  Mai
Arbeitsruhc  Äbenden  immerhin  seit  jenem  Jahr  vervierfacht.  1894  wurden
in  Berlin  von  den  Gewerkschaften  12  000  Feiernde  festgestellt,  1905  dagegen
waren  es  zwischen  50-  und  60  000.  Die  Zahl  derer  aber,  die  an  den  Nachmittags- ­
  und  Abendfesten  der  Wahlvereine  teilnahmen,  beläuft  sich  auf
mehrere  Kunderttausend.  Lind  welche  Begeisterung  bricht  auf  diesen  Festen
neben  allen  Lustbarkeiten  und  Llntcrhaltungen  immer  wieder  durch!  Mit
welchem  Jubel  werden  auf  ihnen  die  Melodien  der  Arbeiterlieder  begrüßt,
mit  welcher  Inbrunst  die  Massengcsänge  mitgesungen,  mit  welch  stürmischen
Zustimmungen  die  Festreden  entgegengenommen,  die  den  Sinn  der  Feier
darlegen!  Es  ist  ein  großer  Irrtum,  sie  wegen  der  Verbindung  mit  den
Lustbarkeiten  als  „Kaffeekränzchen"  gering  einzuschätzen.  Das  Maifest  soll
ein  Fest  der  Freude  sein,  und  um  so  mehr  wird  der  Weltfeiertag  der
Arbeiterklasse  seinen  Zweck  erfüllen,  je  mehr  er  für  die  Heranwachsende
Arbeitergeneration  den  Wert  und  die  Bedeutung  erlangt,  den  die  alten
Kirchenfeste  für  ihre  Eltern  und  Voreltern  gehabt  hatten.
            
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