Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

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Von  der  Flottenvorlage  der  Regierung  strich  der  Reichstag  nur  die
geforderte  Vermehrung  der  Auslandsflotte,  ein  belangloser  Abstrich,  da  die
Ausführung  des  bewilligten  Programms  anderthalb  Jahrzehnte  erforderte,
die  Zwischenzeit  aber  hinlänglich  Gelegenheit  bot,  diesen  Teil  wiederherzustellen. ­
  Im  übrigen  wurde  ein  Schiffsprogramm  bewilligt,  das  die  Schlachtflotte ­
  auf  vier  Geschwader  von  je  8  Linienschiffen,  8  großen  und  24  kleinen
Kreuzern,  nebst  zwei  Flottenflaggschiffen,  sowie  eine  Erhöhung  der  Materialreserve ­
  um  2  große  Linienschiffe,  der  Besatzung  um  30  000  Mann  bringen
und  bis  zur  Fertigstellung  im  Jahre  1917  nicht  weniger  als  4352  Millionen
Mark  kosten  sollte.  Bei  der  Endabstimmung  —  am  12.  Juni  1900  —
ward  das  Flottengesetz  mit  201  gegen  103  Stimmen  angenommen.  Wie
wenig  es  den  marinistischen  Tendenzen  der  Regierenden  eine  Grenze  setzte,
zeigte  das  im  Danktelegramm  des  Kaisers  wiederkehrende  „Run  aber  weiterarbeiten!" ­
  Im  Etat  für  1906  erschien  denn  auch  der  Posten  für  die  Auslandsflotte ­
  und  wurde  selbstverständlich  bewilligt.
Kaum,  daß  das  Flottengeseh  von  1900  angenommen  war,  trafen  die  Nachrichten ­
  aus  China  ein,  die  den  Anlaß  zu  der  schon  besprochenen  China-Expedition
gaben.  Da  in  China  nur  wenig  Ruhm  zu  holen  war,  gingen  die  mitinteressierten ­
  Mächte  gern  darauf  ein,  daß  ein  deutscher  Leerführer  den
Oberbefehl  über  die  vereinten  Straftruppen  erhielt,  und  Graf  Waldersee
ward  als  „Weltfeldmarschall"  unter  einem  Aufwand  von  tönenden  Reden
und  Schaustellungen  nach  Ostasien  entsandt,  die  die  Welt  weit  mehr  in  Erstaunen ­
  versetzten  als  seine  militärischen  Verrichtungen.  Daß  die  deutschen
Soldaten,  wie  übrigens  die  Soldaten  der  anderen  Mächte,  bei  den  Scharmützeln ­
  mit  Chinesen  ihren  Mann  standen,  soll  anerkannt  werden.  Daß  aber
ein  Teil  von  ihnen  unter  dem  verrohenden  Einfluß  des  Krieges  mit  einem
Volk,  dessen  Sprache  und  Kultur  sic  nicht  verstanden,  Landlungen
begingen,  die  durch  die  Notwendigkeiten  des  Krieges  nicht  zu  rechtfertigen
waren,  ist  durch  viele  Soldatenbriefe  vom  Kriegsschauplatz  in  glaubwürdiger
Weise  bekundet  worden.  Wenn  die  China-Expedition,  bei  der  über  500  Deutsche
teils  auf  den»  Schlachtfeld  und  teils  im  Lazarett  ihr  Leben  ließen  und
Tausende  für  ihre  Lebenszeit  zu  Krüppeln  oder  Patienten  wurden,  Deutschland ­
  keine  materiellen  Vorteile  eintrug,  so  war  das  noch  hinzunehmen.  Viel
schlimmer  ist,  daß  der  Name  des  Deutschen  als  Kriegsmann  unter  kulturellen
Gesichtspunkten  schweren  Schaden  gelitten  hat.
Bei  der  China-Expedition  hatte,  wie  bei  der  Agitation  für  die  Flotte,
Wilhelm  II.,  unterstützt  durch  den  Minister  des  Auswärtigen,  Bülow,  den
Dirigentenstab  geschwungen,  der  altersschwache  Lohenlohe  hatte  nicht  mehr
dreinzureden.  Seine  Rolle  als  Aushilfskanzler  war  ausgespielt,  er  mußte
gehen.
5.  Fünf  Jahre  der  Ära  Bülow.
Bald  nach  Einleitung  der  China-Expedition  legte  Fürst  Chlodwig  Lohcnlohe
  fein  Reichskanzleramt  nieder  und  an  seine  Stelle  trat  am  17.  Oktober ­
  1900  der  ein  Jahr  vorher  in  den  Grafenstand  erhobene  Bernhard
von  Bülow,  bis  dahin  Minister  des  Auswärtigen.  Als  solcher  hatte  er
sehr  viel  stärker  als  seine  Vorgänger  nationalistische  Töne  angeschlagen  und
sich  als  ein  gewandter  Parlamentsredner  offenbart,  der  seine  Reden
wirksam  zuzuspitzen  verstand.  Aus  der  Rechten  sah  man  ihn  nicht  ungern.
            
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