Die Ethifierung der gesellschaftlichen Kämpfe. Die Moralsysteme. 69
für die Völker oftmals die Ausgangspunkte innerer Reform und neuen wirtschaftlichen
Auffchwunges. —
33. Die religibsen und philosophischen Moralfsysteme. Wir haben
oben (S. 46—47) die Bedeutung der Religion für die Ausbildung der sittlichen Urteile
und Handlungen zu charakterisieren versucht und —V
psychologischen Zusammenhang hingewiesen, in welchem aus Sitte und Recht heraus
inheitliche Gedankensysteme der Moral sich bildeten. Im Anschluß an das dort Gesagte
haben wir hier auf diese Systeme nochmal zurückzukommen. Wir haben einmal den
geistig-methodologischen Prozeß kurz zu charakterisieren, der diese Systeme geschaffen hat;
es ist im ganzen derselbe, der auch politische, sociale und volkswirtschaftliche Systeme
später erzeugt hat und immer wieder erzeugt; die volkswirtschaftlichen Systeme sind
Ableger und Ausläufer der Moralsysteme, hangen mit ihnen zusammen; Moral— und
politische Systeme wirken auf alles praktische, also auch auf alles volkswirtschaftliche
Leben bei höherer Kultur tiefgreifend ein. Wir haben dann kurz auseinander zu setzen,
welche Hauptgattungen von Moralsystemen das geistige Leben der Kulturvölker erzeugte,
und wie gewisse große praktische Lebensideale und Leitideen aus ihnen hervorgingen,
velcher Natur diese verschiedenen Ideen und Principien sind; sie haben in den letzten
Jahrhunderten eine führende, oft aber auch irreführende Rolle im volkswirtschaftlichen
Leben gespielt.
q) Jede Religion wie jedes Moralsystem ruht auf einheitlichen Vorstellungen
aiber Gott und die Welt, über ihr gegenfeitiges Verhälinis, über Natur und Geist,
iüber Leben und Sterben, über die leßten Zwecke der menschlichen Existenz. Nach den
jeweiligen Erkenntnissen und Kausalitätsvorstellungen, nach den psychologischen An—
schauungen und ethischen Bedürfnissen muß jedes System über diese Grundfragen zu
einem einheitlichen Ergebnis kommen, das, dem geistig-sittlichen Niveau der betreffenden
Menschen angepaßt, für Tausende und Millionen überzeugende Kraft hat und oft Jahr—
hunderte lang behält. Wie alles menschliche Selbstbewußtsein nur zu stande kommt
durch Verbindung und Konzentrierung alles Wahrgenommenen, Erlebten und Erstrebten
in der Synthese des einheitlichen Ichs, so erzeugt auch in jeder menschlichen Gesellschaft
der unwibdersiehliche geistige Zug zur Einheit ein die bestimmte Gesellschaft verbindendes,
mehr oder weniger einheitliches Gedankenfystem. Die denkenden Menschen fühlen sich
erst glücklich, wenn sie zu einem solchen Punkte gekommen sind, in dem sie wie in einem
Brennpunkte alle theoretischen und praktischen Vorstellungen zusammenfassen, der ihr
Denken wie ihr Gewissen befriedigt, der mit einer plausibeln Vorstellung von der Welt
zugleich den richtigen Leitstern für alles Handeln abgiebt. Das geschieht in den Religions—
ind Moralsysiemen, wie sie die Völker und Zeitalter im ganzen einheitlich beherrschen.
Die Religionen sind stets zugleich Versuche einer Kosmogonie, einer rationalen
Erklärung des Seienden, wie sie Systeme der praktischen Lenkung alles Geschehenden
darstellen. Und wenn die philosophischen Moralsysteme dann wennigstens teilweise auf
die Vorstellung einer göttlichen Offenbarung und eines steten Neueingreifens der Gott—
heit verzichten, eine beimmte Metaphysik, eine bestimmte Vorstellung von der Welt und
Weltregierung, vom Leben nach dem Tode, den Zwecken alles Lebens liegt ihnen doch
ebenso zu Grunde; sie ruht auf fortschreitender Natur- und Geschichtserkenntnis; aber
sie reicht nicht aus, ein abgerundetes Bild der Welt zu geben, wie es notig ist, um als
Hintergrund und Ausgangspunkt eines praktisch wirkenden einheitlichen Verpflichtungs⸗
grundes und Systems zu dienen. Jedes Moralsystem repräsentiert eine bestimmte ein—
heitliche Weltanschauung und stellt ein einheitliches Lebensideal auf, das auf Erkenntnis
Ind Glauben zugleich beruht; ein Sollen lehrt man, Ideale predigt man wirksam nur,
die Well und die Menschen üͤberwindet man nur von einem centralen Punkte aus, der
das Ganze aller Zusammenhänge erfassen will. Der dabei stattfindende psychische Prozeß
ist immer ein ähnlicher, wie er in Bezug auf alle Religionsbildung und auf alle Herr—
schaft religiöser Gefühle stattfindet. Es handelt sich um eine Ergänzung unserer wirk—
lichen Erkenntnis durch ein Hoffen und Glaͤuben. Der menschliche Geist sucht sich intuitiv,
ynthetuch, mit der Phantasie ein Bild von der Welt, von den in ihr herrschenden