Anhang. Zur Philosophie der Statistik.
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Mehr— sie gehören selbst wieder in den Kreis der gewöhnlichen
Erscheinungen, sie bilden einen wichtigen und nothwendigen Theil eben
dieses völlig naturgemässen Verhältnisses in seinen regelmässigen Phasen.
Und wie gering ist gewöhnlich die Einwirkung auch der äussersten
Schwankungen auf die Mittel-, die Normalzahl, auf das Ganze !
Beobachtungen, welche sich auf die lange Zeit von 115 Jahren aus
dehnen, haben dargethan, dass im Saonegebiet durchschnittlich an 125
Tagen im Jahre Regen ftlllt. Die Abweichungen betragen in diesem
(hierin allerdings besonders beständigen) Clima — nicht mehr als fünf
Tage, indem an den äussersten Grenzen einerseits 12u, anderseits 130
Regentage erscheinen. )Iag die Differenz anderwärts allerdings grösser
sein, — so bedeutend wie man ohne feste Beobachtung zu glauben pflegt,
ist sie nirgends.
Die mittlere Barometerhöhe stellt sich zu Paris, nach vielen Jahren
berechnet, auf 756 Millimeter. Und welches ist der Unterschied in den
einzelnen, scheinbar so sehr von einander abweichenden Jahren? Noch
nicht einmal drei Millimeter. Die grossen Schwankungen an den ein
zelnen Tagen reichen in ihren Wirkungen auf das Ganze nicht weiter,
denn sie werden immer gröstentheils sofort wieder ausgeglichen.
Aehnlich wie in der physischen Welt ist das Verhältniss auf den
Gebieten der rein menschlichen, der socialen, ja selbst der mo
ralischen Zustände. Auch hier findet sich überall Regelmässigkeit,
Harmonie, Periodicität. Auch hier ist es die Aufgabe der Statistik, erst
die Thatsachen festzustellen, dann, vermittelst der erlangten Ergebnisse,
die betr. Gesetze zu erforschen.
So lange die socialen Grundlagen keine wesentliche Aenderung er
fahren , ergibt sich in jeder nur irgend ausgedehnteren Periode durch
schnittlich die gleiche Zahl von Heirathen, Geburten und Todesfällen.
Das Verhältniss ist aber ein noch stabileres in andern Beziehungen, in
denen man es noch weniger erwartet. So hat der franz. Statistiker
Valentin-Smith durch eine in der Gemeinde Chalamont vorgenommene,
über einen Zeitraum von 40 Jahren ausgedehnte Berechnung gefunden,
dass von den neu vermählten Frauen im ersten Jahre nach der Heirath
regelmässig ein Siebentel Mütter wurden, im Laufe des ersten und zwei
ten Jahres zusammen ein Drittel, und dass dagegen der dreissigste Theil
nach fünf Jahren zum erstenmal niederkam.
Noch merkwürdiger ist das Streben der Natur, einzelne Ueberschrei-
tungen der gewöhnlichen Norm wieder auszugleichen, und das, was wir
etwa (in Ermangelung genauer Kenntniss aller Verhältnisse) »Störungen«
nennen möchten, zu verwischen.
Im Jahre 1832 herrschte in Frankreich eine ungewöhnliche Sterb
lichkeit ; die Cholera richtete starke Verheerungen an ; die Zahl der To
desfälle betrug 033,733, d. h. 63,600 mehr als nach dem Durch-
schnittsverhältniss. Aber im nächsten Jahre sank die Zahl der Sterbfälle
auf 812.548 herab, d. i. 57,600 weniger als die Normalzahl, so dass
sich der Ausfall sofort wieder nahezu ausglich. — Das Jahr 1847 brachte
grosse Theuerung bei 302 Todesfällen wurde gerichtlich erwiesen, dass
sie unmittelbar durch Verhungern oder Erfrieren veranlasst waren) ; es
ergaben sich um 3 Procent mehr Sterbfälle als im Vorjahre. Im nächsten