§ 4- Lohnämter
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Und felbft wenn durch Ermittlung des Lohnamts einwandfrei feftge("teilt
würde, daß auch die berufs- und ortsüblichen Löhne anftändiger Firmen den
notwendigen Lebensbedarf der Arbeiter nicht decken, wenn alfo auch für diefe
Firmen eine Lohnerhöhung notwendig wäre, auch dann wäre die Pofition des
Gewerbes auf dem Markte noch nicht gleich verloren: Preiskonventionen der
Unternehmer, zollpolitifche Maßnahmen könnten Löhne und Gewerbe heben.
Falls aber fich heraus ("teilt, daß eine induftrie ihre Stellung auf dem Welt
märkte nur halten kann unter der Bedingung unzureichender Arbeitslöhne, fo
wäre nationalökonomifch und ethifch das Urteil über fie im gleichen Sinne ge
fällt. Nationalökonomifch: Der Export, der mit den billigen Waren zugleich
Volkskraft und Volksgefundheit, Kinder- und Familienglück und Frauenehre
ausführt, verfchuldet eine andauernde paffive Bilanz für das Land. Da gehen
Güter verloren, ohne die eine Volkswirtschaft fich nicht erhalten kann. Kein
von außen einftrömendes Gold kann fie erfetzen. Jedes Volk und jedes Land
wird auf folchen Handel verzichten. Die Ethik urteilt ebenfo : Eine Induftrie,
die auf unzureichenden Löhnen bafiert ift, verübt Auswucherung im fchlimmften
Sinne, begeht fortwährend fchweres Unrecht an einer armen Menfchenklaffe
und indirekt am ganzen Volke, und hat ihr Exiftenzrecht darum verwirkt.
Die Stellung der Induftrie auf dem Weltmarkt ift ganz gewiß zu be
achten, wenn die Löhne geregelt werden follen. Dajz aber nicht in allen Export-
induftrien infolge einer Lohnerhöhung gleich Schlimmes zu befürchten ift,
zeigt die gegenwärtige Lage der am Export hauptfächlich beteiligten Haus-
induftrien. Es find dies die Konfektion, die Herftellung von Spitzen und
Stickerei und die Spielwareninduftrie. Von diefen fteht die Spielwaren-
induftrie fo gut wie konkurrenzlos da. Einer ftarken Konkurrenz anderer
Länder auf neutralen Märkten begegnet die Stickerei und Spitzeninduftrie,
die fich gegen Frankreich, die Schweiz, Öfterreich und Großbritannien als
Mitbewerber wehren muß. Auch der deutfehe Anteil der Blufenfabrikation
geht auf dem Weltmarkt gegenüber England, Öfterreich und Frankreich zurück.
Die übrigen Zweige derdeutfehen Kleider- und Wäfchekonfektion haben jedoch
weniger mit einer Konkurrenz anderer Völker auf neutralen Märkten, als mit
wachfender Eigenproduktion wichtiger Beftimmungsländer zu rechnen. Vor
alKm geht Großbritannien mehr und mehr zur Selbftfabrikation befferer Kon
fektionswaren über. J )
Technifche Schwierigkeiten, ja Unmöglichkeiten follen der Feft-
fetzung von Minimallöhnen entgegenftehen. Gerade die Heiminduftrien —
fo heißt es — ftellen Produkte her, die fo mannigfaltig und dem Wechfel
*) Vg!. üaebel, Die Heimarbeit 229 ff.