195 und 196. Sozialdemokratisches Flugblatt zur Anvahl zum preußischen Landtag
Bernstein. Berliner Geschichte. Ul.
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Wähler Berlins!
Nach dem heldenhaften Kampfe deS Volke- um seine
Freiheiten im Jahre 1848 wurde die konstitutionelle Ver-
fassung Preußens aus der Taufe gehoben. Alle fteiheitlich
Gesinnten atmeten erleichtert auf. Doch bald erstarkte die
Reaktion und im Jahre 1850 wurde mit Hilfe der Truppen
daS preußische Parlament- auseinandergejagt. Unter
brutalem Rechts- und Verfassungsbruch wurde das jetzige
Wahlsystein dem Volke aufgezwungen. Dieses System,
nicht einen Tag zu Recht bestehend. liefert die große Masse
der Wähler, d. h. über 85 Prozent der wahlberechtigten Bürger,
völlig der Herrschaft der Junker. Pfaffen und Groß-
kapitalistcn ans.
Die Sozialdemokratie will durch ihre Beteiligung
dieses elendste aller Wahlsysteme aus der Welt schaffen
und wird nicht eher ruhen, bis daß auch für dieses Parla
ment das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahl
recht errungen ist.
Was die Sozialdemokratie will und erstrebt.
Unnötig ist es. zwischen uns und den Wählern dies
zu erörtern, habt Ihr doch erst vor wenigen Wochen, am
!6. Juni hier in Berlin Euch zu vielen Hunderttausenden
für lins erklärt und die Worte, welche wir in unsern Flng-
blättcrn an Euch gerichtet, sie sind noch in ^Jedermanns
Munde.
Eine neue Gesellschaftsordnung ift's, die wir
erstreben, Not, Sorge und Elend wollen wir aus
der Welt bannen, die Produktion muh znm Wohl
der Gesamtheit, nicht für den Prosit des einzelnen
betrieben werden. Militarismus nnd Marinismns
bekämpfen wir, für Recht nnd Freiheit der Nation
streiten wir. Schon der heutige Staat müßte seine
einzige Airfgabc darin sehen, die berechtigten For
derungen der Arbeiter zu erfüllen.
Der Liberalismus hat zu keiner Zeit es verstanden,
wirksam die Rechte der Wähler zu wahren. In der
Konflikts-Periode der 60 er Jahre hatte er das gesamte
preußische Volk hinter sich, er besaß damals die Mehrheit
im Abgeordnetcnhause. aber er lehnte eö ab, das elende
Wahlrecht abzuändern, noch konnte er die gesetzlosen Aus
gaben von Geldern zu Kriegszwecken verhindern. — Im
Gegenteil, er kroch zu Kreuze, spaltete sich und erteilte
Bismarck Indemnität, zu deutsch gesagt: nachträgliche
Genehmigung für die gegen die Verfassung gemachten
Ausgaben. — Niemals seitdem hat er in wirksamer Weise
den Vormarsch der Reaktion verhindern können. Besonders
die Berliner Spielart. ^>ie sogenannte freisinnige Volks-
Partei, ist wahrlich nicht zum Kampf gegen die Reaktion
befähigt. Während wir im Reichstage bei unserem Zoll
kampfe auf die Hilfe der Barth und Schräder zählen
konnten, während der verstorbene große Gelehrte Mommsen
noch kurz vor seinem Ende betonte, gegen die Junker.
Segen die Reaktion sei Pflicht jedes freisinnigen Mannes
mit der Sozialdemokratie zu stehen, hält es Herr Richter
seine einzige Aufgabe, rmS gegenüber zu treten.
und so die Reaktion, deren schärfster Gegner wir. die
Sozialdemokraten sind, kräftig zu unterstützen: da3 ist
„freisinnige Politik.
Solchen Leuten dürfen wir fernerhin keinen ernst
haften Kampf um die Rechte der Nation zutrauen, wir
finb verpflichtet, den Kampf mit dem preußischen Junker-
tum und den freisinnigen verkappten Reaktionären ebenso
aufzunehmen. wie wir denselben schon im Reiche mit der
gesamten Reaktion führen.
Ueber die Rechte der Gemeindeverwaltung, die Pflichten
der Schule gegen unsere Jugend und ihre Lehrer, den
Kampf gegen die Polizeiwillkür, das Koalationsrecht der
Arbeiter, über dies und vieles andere wird im Abgeordneten'
Haus entschieden. Da hinein wollen wir unsere Vertreter
senden, damit sie dort den Gegnern gegenüber nuer-
schrockcu dem Willen des Volkes Ausdruck geben.
So wie wir im Reichstage gegen den Zollwncher und
die Verteuerung der notwendigsten Lebensmittel gekämpft,
so wie die Vertreter unserer Partei überall furcht
los und ohne schwächliche Rücksicht den herrschenden
Klassen gegenübergetreten sind, so muß auch in diesem
muffigen Jnnkerparlament eine Stätte geschaffen werden,
von wo hinaus der Schrei nms Recht in die preußischen
Lande dringt. Darum wollen wir hinein in dies Paradies
für Junker und Pfaffen, den Forderungen des Volkes
ein Echo 31t geben. Dem sogenannten Berliner Freisinn,
der sich in der Stadtverwaltung erdreistete, öen Beginn
der Landtagswahl schon ans 2 Uhr nachmittags anzusetzen
nnd dadurch tausende von Arbeitern um den Verlust eines
halben Tagelohns brachte, dem Kommunalliberalismus.
welcher für die Forderung der Sozialdemokratie: den
Anfang der Wahl auf 5 Uhr zu bestimmen. nur Spott
und Hohn hatte, den satten Existenzen, welche auf die
Wahl der ersten lind eines Teiles der zweiten Abteilung
stets höheren Wert legten als ans die Abstimmung der
85 Prozent betragenden dritten Abteilung, muß durch die
Wahl sozialdemokratischer Wahlmänner wiederum (nie
Antwort gegeben werden, daß ihnen wie am glorreichen
16. Juni die Ohren gellen.
Wählt am »2. November
nur sozialdemokratische Wahlmänner.
Laßt Euch von der liberalen und reaktionären
Clique nicht die hinter verschlossenen Türen aufgestellten
Wahlmauns-Kaudidaten aufschwatzen; glaubt der Sippe
nicht. welche weiß machen will, wir agitieren einzig für
den „Umsturz", wir verhetzen fdie Vcvölkernngsklassen. und
wie sonst die schönen Vorwürfe noch lauten. Nein, mut«
voll ist die Sozialdemokratie. stets
für die Unterdrückten gegen ihre
Unterdrücker
eingetreten, hat di- schwachen Kleinen gegen die wer-
mächtigen Grahen, die Armen gegen die Reichen, dir
Ausgenutzte» gegen ihre Ausdeuter derteidigt. mit beit