Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

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Rur  im  ersten  Landtagswahlkreis,  d.  h.  im  Westen  und  Südwcsten  Berlins,
hatten  die  bürgerlichen  Parteien  zusammen  eine  Mehrheit,  die  aber  auch
noch  ziemlich  schwach  ist.  In  den  anderen  drei  Kreisen  aber  ist  die  sozialdemokratische ­
  Mehrheit  gegenüber  den  beiden  Parteien  zusammen  jedesmal
erdrückend.  Rach  den  Wählerklassen  abgeteilt,  verteilten  sich  die  Arwählerstimmen
  von  Berlin,  dieses  als  Einheit  genommen,  folgendermaßen:

sozialdemokratisch

freisinnig

konservativ

Erste

Wählerklassc

222

3  508

412

Zweite

„

5  010

9  085

1  846

Dritte

„

116918

8140

4  856

Insgesamt

122  150

20  733

7  114

Selbst  in  der  zweiten  Wählerklasse  hatte  die  Sozialdemokratie  somit
noch  nahezu  ein  Drittel  der  Stimmen.  Alle  Klaffen  und  Wahlkreise  zusammengerechnet ­
  aber  hatte  sie,  selbst  wenn  man  die  Arwählerstimmen  derjenigen
  Wahlmänner  mit  berücksichtigt,  die  sich  nicht  an  der  Abgeordnetenwahl ­
  beteiligten,  68,3  Prozent  aller  abgegebenen  Stimmen,  ein  höherer
Prozentsatz  als  selbst  bei  der  großartigen  Reichstagswahl  vom  16.  Juni
des  gleichen  Jahres.  Lind  das  bei  offener,  protokollierter  Stimmabgabe,
überzeugender  konnte  die  Befürchtung  nicht  widerlegt  werden,  daß  es  nicht
gelingen  werde,  für  die  Landtagswahl  die  Massen  an  den  Wahltisch  zu
bringen.  Pier  war  eine  Massenaktion,  wie  Berlin  sie  noch  bei  keiner
Abgeordnetenwahl  erlebt  hatte.  And  daß  die  68  Prozent  der  Wähler  auch
nicht  einen  Abgeordneten  ihrer  Gesinnung  erhielten,  daß  die  neun  von  Berlin ­
  zu  vergebenden  Mandate  sämtlich  den  Freisinnigen  zufielen,  die  nur
11,59  Prozent  der  Arwählcr  hinter  sich  hatten  —  konnte  der  Vergewaltigungscharakter ­
  des  Dreiklassenwahlsystems  eindrucksvoller  festgestellt  werden,  als
durch  die  Demonstrierung  dieser  Tatsache?
Auch  in  den  beiden  zu  Groß-Berlin  gehörenden  Vorortswahlkreiscn
erhielt  bei  der  Arwahl  die  Sozialdemokratie  die  Mehrheit  der  Stimmen.
Im  Kreise  Niederbarnim  wurden  Arwählerstimmen  abgegeben:
I.  Klaffe  II.  Klaffe  III.  Klaff-  Insgesamt
für  sozialdemokratische  Wahlmänner  63  1  059  12  599  13  721
„  freisinnige  „  372  634  283  1  289
„  konservative  „  666  1  458  3  503  5  627
Anders  im  Kreise  Oberbarninr,  mit  denr  zusammen  Niederbarnim  einen
Wahlkreis  bildet.  Dort  erhielten  die  Konservativen  auch  die  große  Mehrheit ­
  der  Arwählerstimmen  und  die  erdrückende  Mehrzahl  der  Wahlmänner.
Dank  ihrer  erlangten  die  Konservativen  eine  absolute  Mehrheit  über  Liberale
und  Sozialdemokraten  zusammengenommen.  Es  wurden  bei  der  Abgeordnetenwähl
  für  Nieder-  und  Oberbarnim  719  Konservative,  327  sozialdemokratische
und  316  liberale  Wahlmännerstimmen  abgegeben,  und  so  erhielten  die
Konservativen  alle  drei  Mandate  des  Kreises  —  was  man  Volksvertretung
nannte.
Im  Kreise  Teltow-Beeskow-Charlottenburg  sollte  der  Widersinn ­
  des  Wahlsystems  noch  krasser  in  die  Erscheinung  treten.  In  jedem  der
zu  ihm  gehörenden  drei  Stadtkreise  sowie  im  Kreise  Teltow  hatte  die  Sozialdemokratie ­
  die  Mehrzahl  der  Arwählerstimmen,  nur  in  dem  am  schwächsten
von  allen  bevölkerten  Kreise  Beeskow-Storkow  entfiel  die  Mehrheit  der
Stimmen  auf  die  Konservativen.  Die  Vertretung  des  Kreises  aber  ward,
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