Object: Bevölkerungslehre

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Erster geschichtlicher Teil 
Volkszahl anzupassen. Seeck hat diese Zusammenhänge mit den 
folgenden Worten dargestellt: „Die Krankheit der gesunden Nationen 
heißt Übervölkerung; sie hat auch in Rom die Form der Boden- 
benutzung bestimmt, welche sich in unserer Überlieferung als die 
älteste darstellt. Mit Menschenkräften wird Verschwendung getrieben, 
um dem Acker durch die intensivste Benutzung so viel Nahrungs- 
mittel zu entlocken, wie er irgend hergeben kann. ... Doch bald 
reicht auch bei der größten Anstrengung der schmale Boden der 
Heimat nicht mehr aus und Kriege werden zur wirtschaftlichen 
Notwendigkeit. Man muß immer mehr Feinde ausrotten, immer 
mehr Land erobern, um Raum für die zahlreichen Kolonien zu finden, 
mit denen Rom nach und nach ganz Italien überzieht. Die Lücken, 
welche die steten Kämpfe reißen, werden schnell durch den jungen 
Nachwuchs ausgefüllt. Die Bürgerzahl steigt immerfort; ob auch 
die Bevölkerung Italiens, ist nicht sicher, aber doch wahrscheinlich; 
zwar mußten die alten Bewohner Platz machen, wo die Römer sich 
niederließen; es trat also nur ein Stamm an Stelle eines anderen. 
Aber da die Ansiedler den intensiven Ackerbau, dessen sie zu Hause 
gewohnt waren, in die neuen Sitze verpflanzten, vermehrten sie 
wohl auch hier den Ertrag der Felder und schufen so die Bedingungen 
für ein stärkeres Anwachsen der Volkszahl ?).“ 
Im vierten und dritten Jahrhundert werden auf dem eroberten 
Land neue Bauernstellen geschaffen, um den Nahrungsspielraum 
entsprechend dem Volkswachstum zu vergrößern. E. Meyer hat 
für die damalige Zeit von einer agrarischen Expansionspolitik Roms 
gesprochen ®). Als Arbeitskräfte dienten vorwiegend Sklaven, die 
durch die zahlreichen Kriege erbracht worden waren. „In diesen 
Landzuweisungen und Kolonien findet jetzt der Nachwuchs der 
römischen Bauernschaft: die cives proletari, Landversorgung: dafür 
kämpft das Hoplitenheer“*%), Es entspricht dies durchaus etwa dem 
was Athen mit seinen Kleruchien erreichen wollte. Eine wesent- 
liche Wandlung in dem bis jetzt durchaus befriedigenden Verhältnis 
zwischen Nahrungsspielraum und Volkszahl trat ein, als — um mit 
M. Weber zu reden — „nach dem Eindringen der Kaufsklaverei 
ein unerhörter agratischer Kapitalismus“, der auf dem Gegensatz 
zwischen freier und unfreier Arbeit zurückzuführen war, um sich 
griff. Als die entscheidenden Züge dafür hat Pöhlmann bezeichnet: 
' Seeck, a. a. O., Bd. ı, 1897, S. 360/61. 
% Kleine Schriften, S. 262. 
3) M. Weber, Art. Agrargeschichte, Handwörterbuch d. Staatswissenschaften, 
3. Aufl., S. 1509,
	        
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