Kapitel II. Der Staatssozialismus.
471
schäften zu pflegen, diese beiden schönsten Früchte der Zivilisation. Weiter
hin ist heute überall das ungerechte Eigentum mit dem von der Arbeit
geschaffenen Eigentum verschmolzen: „Es (das Grundeigentum) hat
seinem Unrecht so viel Recht beigemischt“, sagt er, „daß man das wahre
Eigentum nur mit empören würde, wenn man sofort schon Hand an das
falsche legen wollte“ 1 ).
Daher muß auf alle Fälle ein Kompromiß gefunden werden. Da von
beiden Einrichtungen, die heute die Quelle der Ungerechtigkeit sind —
dem Eigentum und der Vertragsfreiheit —, das erste nicht ohne Nachteil
abgeschafft werden kann, so versuchen wir wenigstens, die zweite zum Ver
schwinden zu bringen. Behalten wir (vorläufig) das Eigentum bei: aber
schaffen wir die Vertragsfreiheit ab. Hierdurch werden wir, auch wenn
ivir das arbeitslose Einkommen nicht sofort zerstören können, zum wenig
sten seinen schwerstwiegenden Nachteil verbessern: das Sinken des pro
portionalen Anteils der Arbeit an dem Produkt. Auf diese Weise werden
zur gleichen Zeit der Pauperismus und die Krisen verschwinden l 2 ).
Schon heute kann dies geschehen. Möge der Staat den Wert des
sozialen Gesamtproduktes in Arbeit einschätzen, möge er den Bruchteil
dieses Wertes, den die Arbeiter zu erhalten haben, festsetzen, möge er
für diese Summe an die Unternehmer (jedem gemäß der Anzahl der von
ihm beschäftigten Arbeiter) Lohnbons verteilen, gegen welche die Unter
nehmer in öffentlichen Niederlagen eine gleichwertige Menge Produkte
abliefern müssen (deren Wert in Arbeit geschätzt ist), und zum Schluß
’nögen sich die Arbeiter, die von ihren Unternehmern in Lohnbons be
zahlt werden, in den öffentlichen Niederlagen auf Grund dieser Lohnbons
uüt dem, dessen sie bedürfen, versehen. Die Schätzung des in Arbeit aus
gedrückten nationalen Produktes würde von Zeit zu Zeit wiederholt werden
uiüssen. Damit der Bruchteil dieses Produktes, der den Lohn darstellt,
stets der gleiche bleibt, muß der Staat die absolute Zahl dieser Lohnbons
uiit dem E'ortschritt der Produktion vermehren. So würde der von Rod-
uertus verfolgte Zweck, die automatische Beteiligung der Arbeiterklassen
am Fortschritt der nationalen Produktion, erreicht sein 3 ). Dies ist das
r °jekt unseres Autors.
l ) Ebenda, S. 228. . .
„Daher glaube ich, wie die Geschichte von jeher (nur in Kompromissen fort
geschritten ist> auch nut ein Kompromiß zwischen Arbeit und Grund- und Kapital-
®‘gentum die nächste Aufgabe unserer Wissenschaft ist. 4 Kapital, S. 228.) In einem
lle{ vom 18. September 1873 an R. Meyer (Bf. Nr. 130, S. 318—319) erklärt er, daß
„das große Problem“ darin besteht, uns „auf friedlichem Entwicklungswege aus unserer
®; u £ dem Grund- und Kapitaleigentum beruhenden abgelebten Staatenordnung in die
sesehichtlieli ihr folgende, auf dem Verdienst oder reinem Einkommenseigentum sich
gründende, schon in" 5 * * 8 den meisten sozialen Verhältnissen wie zur Geburt sich regende
1111(1 rührende höhere Staatenordnung allmählich einzuführen“.
8 ) Vgl. Kapital, S. 125ff. und besonders seinen Aufsatz: der Normalarbeits-