Full text : Bevölkerungslehre

!., Kap, Das gegenseit, Größenverhältnis v. Bevölkerung u. Nahrungsspielraum 243

Im Laufe seiner Geschichte hat das Bevölkerungsoptimum eines
jeden Landes beträchtliche Wandlungen erfahren und diese Entwicklung
 wird auch in derselben Richtung weitergehen. Denn die engsten
Beziehungen zwischen Wirtschaft und Bevölkerung liegen in den
Wechselwirk ungen beider, darin, daß eine bestimmte Volkszahl
Voraussetzung einer bestimmten Stufe der Wirtschaft ist und daß
umgekehrt eine bestimmte Stufe der wirtschaftlichen Entwicklung
nur dann möglich ist, wenn die Dichte der Bevölkerung ein bestimmtes
 Mindestmaß erreicht hat. Beide Faktoren — Volkszahl
und Nahrungsspielraum — hatten also bisher die Tendenz, sich
dauernd vorwärts, einer höheren Stufe zuzutreiben. Es-’ist eine besondere
 Frage, ob und in welchem Maße diese Tendenz in der
Zukunft noch weiter wirksam sein wird. Mit den dargelegten
Gründen hängt es zusammen, daß auch der Begriff des Bevölkerungsoptimums
 dauernd einem geschichtlichen Wandel unterworfen ist;
das gleiche gilt auch von den Erscheinungen, die man als Überund
 Untervölkerung eines Landes bezeichnet. Die Volkszahl eines
Landes, die in älteren Zeiten für die Lebensmöglichkeiten in diesem
zu groß war, wobei vielleicht bereits gewisse Symptome einer Übervölkerung
 sich bemerkbar machten, mag wohl hundert Jahre später
unter anderen wirtschaftlichen und technischen Voraussetzungen als
so klein erscheinen, daß man dann vielleicht von einer Untervölkerung
zu sprechen berechtigt wäre. Dabei ist es noch eine offene Frage,
ob bestimmte erkennbare Symptome vorhanden sein müssen, wenn
man von Über- oder Untervölkerung spricht, also z. B. Merkmale
und Anzeichen, die vielleicht der Höhe der Lebenshaltung entnommen
 sind oder ob man auch diese beiden Begriffe nur in einem
mehr ideellen Sinne gebrauchen darf. -
Wenn man von einem Bevölkerungsoptimum in dem Sinne
spricht, daß man darunter die Volkszahl versteht, bei der die Gaben
eines Landes mit dem größten Erfolg bei einer bestimmten Stufe
der Wirtschaft ausgenutzt werden können und unter Über- und
Untervölkerung die von diesem Optimum möglichen Abweichungen,
so können diese Abweichungen grundsätzlich zwei Ursachen haben.
Sie können einmal in dem zahlenmäßigen Verhältnis beider Größen,
Volkszahl und Nahrungsspielraum, selbst liegen. Dieses Verhältnis
ist dann ebenso beschaffen, daß die Menschen auf keinem Wege
eine größere Ergiebigkeit ihrer Arbeit erzielen können, das eine Mal
nicht, weil die Volkszahl zu groß, das andere Mal nicht, weil sie den
Gaben der Natur gegenüber zu klein ist. Es kann aber auch sein
— und die Geschichte bietet dafür. mannigfache Beispiele — daß
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