Full text : Bevölkerungslehre

I. Kap. Das gegenseit. Größenverhältnis v, Bevölkerung u. Nahrungsspielraum
pP geg g55P 255

eben dargelegten Zahlen zeigen, daß recht wohl der Fall eintreten
kann, daß auch bei sehr starkem eigenen Volkswachstum die Arbeitskräfte
 für den Bedarf der Wirtschaft nicht ausreichen und man
deshalb fremdländische mit heranziehen muß. Ebensogut wie die
Volkszahl eines Landes stärker wachsen kann, als seine Produktion
und Produktionsmöglichkeit, so kann auch zeitweilig das Umgekehrte
eintreten; dann ist es möglich, daß dieses Land trotz starken eigenen
Volkswachstums weniger Menschen hat, als es seiner Bevölkerungskapazität
 entspricht und dann wird man auch in gewissem Sinne von
einer Untervölkerung sprechen können.
In seinem „Kapitalismus“ hat Sombart diesem Problem, woher
die Industrie ihre Arbeiter bezieht, eingehende Erörterungen gewidmet
 !). Zum Teil war es der gewaltige Volkszuwachs selbst, der
imstande war, den großen Bedarf der Industrie nach Arbeitskräften
zu befriedigen; warum er in dieser Zeit so groß war, wird noch
darzulegen sein. Soweit das Volkswachstum auf dem starken Rückgang
 der Sterblichkeit, etwa von der Mitte des 19. Jahrhunderts ab,
beruhte, hing die Volkszunahme mit der Mehrung des Volkswohlstandes
 und der Hygiene zusammen. Insoweit hat Sombart recht,
wenn er meint, daß der Kapitalismus durch die Ausweitung
des Nahrungsspielraumes sich selbst sein Proletariat herbeischaffe,
wenn auch in anderem Sinne, als Marx gemeint hat. So weit aber
der natürliche Überschuß für die Industrie selbst nicht ausreichte,
waren es die zunächst überflüssigen Arbeitskräfte auf dem Lande,
welche die Industrie in der Zeit ihrer Entwicklung und ihres Aufschwungs
 an sich zog und zwar in einem Umfange, daß infolgedessen
 ein Arbeitermangel in der Landwirtschaft eintrat, so daß hier
fremdländische Arbeitskräfte zum Ersatz herangezogen werden
mußten. Die Ausweitung des Nahrungsspielraumes, wie sie namentlich
 durch die Erstarkung und das Wachstum von Industrie und
Kapitalismus erfolgte, war also unweigerlich an die Verfügung über
an Zahl dauernd wachsende Arbeitskräfte gebunden. Man erkennt
aus diesen Überlegungen, worauf ja oben schon hingewiesen worden
ist, daß auch in Ländern mit großem eigenen Geburtenüberschuß
in gewissem Sinne Untervölkerungserscheinungen dann entstehen
können, wenn sich Tendenzen zeigen, die auf eine erneute Ausweitung
 des Nahrungsspielraumes über das Volkswachstum hinaus wirksam
 sind. Unter solchen Voraussetzungen kann dann bei noch so
dichter Bevölkerung die Sachlage ähnlich sein, wie in neuerschlossenen

1) Das Wirtschaftsleben im Zeitalter d. Hochkapitalismus, 1. Halbbd., S, 322 ff
            
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