Full text : Bevölkerungslehre

260 Zweiter systematisch-theoretischer Teil ‘

sondern grundsätzlich auch die der ganzen erschlossenen Erde in
Frage kommen. Unter solchen Voraussetzungen also, wo sich der
internationale Warenaustausch ohne Reibungen und Hemmungen
für ein Land vollzieht, da hängt die Größe von dessen Nahrungsspielraum
 auch grundsätzlich von den Versorgungsmöglichkeiten ab,
welche die ganze Erde bietet und damit verliert die nationale Bedeutung
 des Bevölkerungsproblems älteren Zeiten gegenüber an
Bedeutung. Daß aber dabei noch genügend Fragen übrig bleiben,
die vom Standpunkt des betreffenden Staates und Volkes aus betrachtet,
 von erheblicher Bedeutung sind, das wird in einem der
nächsten Abschnitte, der sich besonders mit der Frage des Nahrungsspielraumes
 zu beschäftigen hat, darzulegen sein.
Unter einem nicht unwichtigen Gesichtspunkt ist ein wesentlicher
 Unterschied vorhanden, ob man bei der Betrachtung der Übervölkerung
 von der ganzen Erde oder von einem bestimmten Lande
ausgeht. Es handelt sich um die Mittel, einer ‚solchen Übervölkerung
 erfolgreich entgegenzutreten. Unter diesen Mitteln wird
immer auf die Auswanderung hingewiesen; sie kann natürlich
nur dort als solches betrachtet werden, wo man von der Übervölkerung
 eines einzelnen Landes ausgeht. Man hat auch in der
Wanderbewegung das Mittel gesehen, einen Ausgleich in der Bevölkerungsverteilung
 auf der Erde herbeizuführen. „Wir haben die
Überzeugung, daß eine bessere Verteilung der heute lebenden Bevölkerung
 und ihres Nachwuchses über die der Besiedelung zugänglichen
 Erdräume zur Verbesserung der wirtschaftlichen Wohlfahrt
der Menschheit und ihres friedlichen Auskommens ganz erheblich
beitragen‘ könnte. Heute drängt sich die massenhafte Bevölkerung
hier, warten leere Zonen auf Besiedelung dort“!). Es handelt sich
hier um Ausgleichstendenzen, die früher stärker wirksam waren als
heute, weil ihrer Wirksamkeit die scharfe Einwanderungsgesetzgebung
mancher Länder entgegensteht.
Es war A. Wagner, der neben anderen mit Nachdruck auf
den Unterschied von absoluter und relativer Übervölkerung
hinwies ?), ohne jedoch diese Unterscheidung besonders scharf herauszuarbeiten.
 Schmoller hat unter absoluter Übervölkerung eine Bevölkerung
 verstanden, „die auch bei vollendeter und rasch fortschreitender
 Technik, Kolonisation/Moral und Gesellschaftsverfassung, nicht die
Möglichkeit hätte, auf ihrem Gebiete zu leben“, unter einer relativen

N Bernhard, a, a. O., S. 137.
2) Grundlegung d. pol. Ökonomie, a. a. O., S. 657 ff.
            
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