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von Natural- und Geldwirtschaft wahrzunehmen, dann werden
wir an sich kaum von Rückfällen in die Naturalwirtschaft sprechen
können.
Sehen wir nun die einzelnen Beispiele näher an. Für das Römer-
reich im 3. Jahrhundert haben einzelne Forscher, vor allem O. Seeck,
hauptsächlich die Geldentwertung im Auge gehabt, als sie die Ent-
lohnung der Beamten und des Heeres mittels Naturalien im Sinne
einer rückläufigen Bewegung ökonomischer Art auffaßten. Wir
konnten aber an der Geschichte der Annona beobachten‘), daß die
Naturalverpflegung der Truppen wie Beamten damals nicht neu
aufkam und keinen prinzipiellen Wandel gegen früher bedeutete.
Anderseits aber hat diese Geschichtskonstruktion auch die wirt-
schaftlichen Folgewirkungen eines solchen Rückfalles gar nicht
durchdacht. Konnte denn, wenn wirklich eine solche Rückbildung
im Verlaufe des 3. Jahrhunderts statthatte und ein Verfall in rein
naturalwirtschaftliche Zustände Platz griff, dieser dann innerhalb
weniger Dezennien bereits wieder behoben werden, derart, daß
schon Diokletian (284 bis 305) und besonders Kaiser Konstantin
(323 bis 337) eine Münzreform durchzuführen”) und das Heer sogar
eine adaeratio seiner Löhnung zu bewirken) vermochte? Dieser
„Rückfall“ mußte also nur sehr vorübergehende Bedeutung gehabt
haben?
Die Forschung war freilich gerade in diesem Punkte nicht einig.
Max Weber®) und seine Anhänger, wie z. B. L. M. Hartmann),
nahmen doch an, daß dieser Rückfall in die Naturalwirtschaft durch
mehrere Jahrhunderte angedauert habe bis auf Karl d. Gr. Ja,
M. Weber vertrat den Standpunkt, in Gallien sei der Rückschlag
in naturalwirtschaftliche Zustände mit Überwiegen des agrarischen
Elementes zum Teil erst unter den Merowingern eingetreten. Das
war sicherlich nationalökonomisch viel richtiger gedacht, und so hat
denn auch W. Sombart dann, als er seine Darstellung im Anschluß
an M. Weber und L. M. Hartmann formte*!), die These aufgestellt,
%) Vgl. oben S. 87.
?) Vgl. oben S. 88.
8) Vgl. oben S. 225.
?®) Römische Agrargesch. S. 264.
0) Gesch. Italiens 1, 365 — 1”, 355.
“) Der moderne Kapitalismus ı*, 94 (1921). — Sombart setzt Eigen-
wirtschaft in Gegensatz zu Tauschwirtschaft, gibt aber zu, daß die eigenwirtschaft-
liche Organisation und die Naturalwirtschaft ebenso wie die tauschwirtschafßtliche