Full text : Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft im Kriege

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Erwin  Respondek,

J

Frankreich  in  Erscheinung  traten,  ihre  Bemäntelung  finden  konnten,
zu  einer  ärgeren  Vernachlässigung  in  der  Kapitalsversorgung  des  französischen ­
  Handels  und  der  französischen  Industrie  geführt  haben,  die
sich  nunmehr,  wo  es  gilt,  die  heimische  Wirtschaft  für  die  außerordentlichen ­
  Kriegserfordernisse,  leistungsfähig  zu  machen,  rächen.  Die
Industriellen  sprechen  ihr  Urteil  auch  ruhig  aus.  So  ist  es  überaus  bemerkenswert, ­
  was  ein  Vertreter  der  Industriellen,  Victor  Camb
  o  n  ,  in  einer  Rede  vor  der  „Societd  des  Ingenieurs  Civils  de  France"
zu  diesem  wichtigen  Punkte  in  höflicher,  aber  eindeutiger  Sprache  ausführte. ­
  Victor  Cambon  sagt  an  einer  Stelle  seines  Vortrages  in
Beziehung  zu  den  Kreditinstituten:
„Bis  jetzt  haben  sie  nur  die  Gewohnheit  gehabt,  von  der  Industrie
Geld  einzunehmen.  Sie  haben  so  viel  Kapital  gehabt,  wie  sie  gewünscht
haben,  und  haben  das  französische  Sparkapital  immer  mehr  aufgespeichert, ­
  vielfach  haben  sie  es  auch  im  Ausland  angelegt.  Eine  derartige
Tätigkeit  ist  so  einfach  und  so  gewinnbringend.  Ein  verschuldeter  Staat
braucht  500  Mill.  In  einer  Woche  kann  er  diese  Summe  haben.  Das
französische  Publikum  wird  zu  diesem  Zwecke  500  Mill.  einzahlen,  das
Kreditinstitut  wird  dem  Schuldner  400  Mill.  geben  und  unter  verschiedenen ­
  Bezeichnungen  einen  Gewinn  von  100  Mill.  einkassieren.  Das
ist  doch  viel  einfacher  und  verursacht  viel  weniger  Arbeit,  als  wenn
man  mit  gutem  Vorbedacht  die  gleiche  Summe  an  tausend  verschiedene
Handelshäuser  vorschießt“ 1 ).
Hier  ist  deutlich  zum  Ausdruck  gebracht,  daß  die  Kreditbanken
Frankreichs  Kraft  ins  Ausland  verlegt  haben,  damit  jeder  eigenen
wirtschaftlichen  Festigung  und  Entfaltung  den  Boden  entzogen  und
Frankreich  den  Zufällen  auf  ökonomischem  und  politischem  Gebiete
in  vollkommene  Abhängigkeit  gebracht  haben.  Frankreich  versäumte ­
  und  vernachlässigte,  was  Deutschland  in  rastloser,  intensivster
Arbeit  an  sich  selbst  vollbrachte  und  Helfferich  in  den  Worten
zusammenfaßte:  „Deutschland  hat  seine  ganze  wirtschaftliche  Ausrüstung ­
  erneuert  und  modernisiert,  in  der  Industrie  sowohl  wie  in  der
Landwirtschaft,  in  den  kommunalen  und  staatlichen  Betrieben.  Es
hat  damit  seine  produktiven  Kräfte  in  einem  Maße  gesteigert,  wie  in
dem  gleichen  Zeitraum  kein  anderes  Land."  Und  weiterhin:  „Frankreich ­
  dagegen  ist  geradezu  das  Kehrbild  unserer  Entwicklung:  alter
Reichtum  und  geringe  wirtschaftliche  Tätigkeit  im  Innern,  infolgedessen
starker  Überfluß  von  Kapitalien  für  Anlagen  in  ausländischen  Werten.“ *  2 )
Das  Ziel  ist  verfehlt.  Frankreich  gefiel  sich  in  dem  Scheine  einerunerreichbaren
  und  unerschütterlichen  finanziellen  Kraft,  wie  ihn  die
stete  und  hohe  Kapitalhergabe  im  Lande,  in  den  Kreisen  der  eigenen
Führer  auch  hervorrufen  mußte.  Wäre  dies  vermieden  worden,  so  hätte

’)  Koloniale  Rundschau  1915,  Heft  11/12,  S.  488  ff.:  Frankreich  und  die  industrielle
Expansion.
2 )  Helfferich,  Karl,  Deutschlands  Volkswohlstand  1888—1913.  Berlin
19x3,  Vorwort  S.  XI.
            
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