220 Erstes Buch. Land, Leute und Technik.
ist die Maschine am weitesten vorgedrungen, hat die größten Wunder bewirkt, weil die
Ziehung, Schlichtung, Verspinnung, Verwebung, Rauhung, Pressung ꝛc. der Faserstoffe
so weitgehend in gleichmäßig mechanische Bewegungen sich auflösen läßt. Im Berg—
werksbetrieb hat die Maschine die Hebung, Schleppung und Sortierung übernommen,
nicht die Hauptarbeit, die des Häuers vor Ort, die stets eine individuelle bleiben wird.
In vielen anderen Gewerben siegte die Maschine mehr für die Zwischen- als für die
Endprodukte; der Stahl, das Gußeisen, alle Metalle werden ausschließlich maschinell,
die feineren Metallprodukte vielfach noch durch die Hand hergestellt.
Viel geringer als im Verkehr und in der Industrie zeigt sich die technische
Revolution auf allen übrigen wirtschaftlichen Gebieten. Die Maschine konnte nur
bestimmte, eng begrenzte Teile des privaten Haushaltes, der Landwirtschaft, der Forst—
wirtschaft übernehmen; noch weniger konnte sie die Arbeit des Künstlers, etwas mehr
schon die des Kunsthandwerkers ergreifen.
Der Landwirt und Gärtner kann den Arbeitsprozeß nicht konzentrieren, ihn in
Teile zerlegen, die nebeneinander sich ausführen lassen; er muß individualisierend die
Arbeit dem Boden, der Witterung, der Jahreszeit anpassen. Er hat heute bessere Werk—
zeuge, auch einzelne Maschinen und Feldbahnen, er wendet chemische und physiologische
Verbesserungen an, aber nie kann hier die Technik alle Arbeit mechanisieren, nie kann
fie hier die Produktion auf das 10—1000 fache steigern wie in vielen Gewerben; sie
hat Großes erreicht, wenn sie sie verdoppelt oder gar vervierfacht. Die Ursache ist einfach
und bekannt; wie Liebig sagt, kann die doppelte mechanische Arbeit, die doppelte
Düngung von einer bald erreichten Grenze an nicht mehr die doppelte Ernte geben.
Das größte Kapital und alle Technik der Welt vermögen auf einer Quadratmeile nicht
die Nahrungsmittel für Hunderttausende und Millionen zu erzeugen. Das Gesetz „der
abnehmenden Bodenerträge“ hat seine Ursache in dem einfachen Umstande, daß die
physiologischen Prozesse, die uns Brot und Fleisch geben, Monate und Jahre brauchen,
daß die Pflanzenerzeugung an die begrenzte Ackerflache gebunden ist, und daß Sonne,
Wärme, Feuchtigkeit, Verwitterung, Pflügung in die Oberfläche nur bis zu geringer
Tiefe eindringen, begrenzte Stoffe löslich machen können. Alle sehr dicht bevölkerten
Gegenden bedürfen daher der Zufuhr von weiterher, die, wenn auch sehr verbilligt,
doch immer die Waren verteuert. Die verschiedene Wirkung der Technik auf Gewerbs—
produkte und Nahrungsmittel zeigt die bekannte Wahrheit, daß jene im Laufe der
Kultur durchschnittlich billiger, diese teurer werden. Der Nahrungsmittelerzeugung steht
eine Grenze entgegen, welche die Technik nicht überwinden kann. Man kann froh sein,
wenn die Verbilligung der Maschinenprodukte die Verteuerung der Lebensmitteli aus—
gleicht oder ermäßigt. Es kommt hinzu, daß überall, wo in ähnlicher Weise begrenzte
Rohstoffe, begrenzte Gebiete und Standorte der Vermehrung des Angebots entgegenstehen,
so bei Kohlen und Erzen, Fischwassern und Stadtwohnungen, der technische Forischriti
die engen Schranken der Produktion und Monopolverteuerung mildern, nicht aufheben
oder überwinden kann.
Nach diesen Bemerkungen ist es klar, daß eine nüchterne Beobachtung nicht in jene
dithyrambischen Lobpreisungen einstimmen kann, als habe die Maschine und die Technik
uns seit 100 Jahren so mit wirtschaftlichen Gütern überschüttet, daß wir bei richtiger
Einrichtung der Volkswirtschaft alle herrlich und in Freuden ohne große Anstrengung,
etwa täglich nur 2—4 Stunden arbeitend, leben könnten. Denn ersiens ist überali
zweifelhaft, ob die Bevölkerung nicht noch stärker zunehme als die durchschnittliche gesamte
Mehrproduktion. Und zweitens kommt in Frage, ob die Teile der Volkswirtschaft mit
zroßem oder die mit mäßigem technischen Fortschritte die bedeutungsvolleren seien. Es
sei nur daran erinnert, daß wir für unsere Ernährung 5060, für unsere Wohnung
10 —2000 unseres Einkommens ausgeben. Ist es da Lin Wunder, daß die Mehrzahl
der Menschen heute trotz aller technischen Fortschritte mehr und härter arbeiten muß
als früher, — daß man schon höhnisch gefragt hat, ob denn die bessere und schönere
Kleidung und das schnellere Fahren, die Hauplerrungenschaften unserer modernen Technik,
uns so viel glücklicher machen könnten Selbst Lin so begeisterter Technologe, wie