Das Volkstum, die kirchlichen und wirtschaftlichen Bewußtseinskreise. 19
Individuen mit abweichender Stimmung, viele kleinere Bewußtseinskreise mit unter sich
verschiedenen und teilweise dem einheitlichen Volksgeist abgewendeten oder gar feindlichen
geistigen Strömungen vorhanden seien. Jedes Dorf, jede Stadt, jede Provinz hat ihren
besonderen Lokalgeist, die socialen Klassen fühlen sich bald in stärkerem, bald in
schwächerem Gegensatz zum nationalen Geist; bestimmte, sich aussondernde Bewußtseins—
kreise beginnen in der Gegenwart in steigendem Maße mit den entsprechenden Kreisen
des Auslandes Fühlung zu suchen und zu erhalten: so die Aristokratie des Grundbesitzes
und des Geldes, die Wissenschaft, die Arbeiterkreise. Jeder Verein, jede Genossenschaft
wird durch einheitliche Interessen und Überzeugungen zusammengehalten, welche nach
innen sympathisch, nach außen abgrenzend oder antipathisch wirken; jede Compagnie
Soldaten, jedes Regiment hat durch den Corpsgeist einen festen Kitt und eine bestimmte
psycho-moralische Färbung. Keine Familie, keine Werkstatt, keine große Unternehmung,
kein Markt kann existieren, ohne auf einem eigentümlichen, einheitlichen Bewußtseins—
kreis, auf gewissen Gefühlen der Sympathie, des Gemeininteresses, der Verträalichkeit
und Übereinstimmung zu ruhen.
Unter den besonderen Bewußtseinskreisen zeichnen sich die religiös-kirchlichen
durch ungewöhnliche Stärke zumal in den älteren Epochen der Geschichte aus; die religiösen
Gefühle erfafsen das Gemüt leicht in so tiefer Weise, weil der einfache, natürliche
Mensch gegenüber den unverstandenen Naturgewalten und dem scheinbar blind über ihm
waltenden, Schmerz und Tod bringenden Schicksal meist nur im Glauben an eine höhere
göttliche Macht Ruhe und inneres Glück findet, und ein solcher Glaube nur in der
Gemeinsamkeit großer Kreise seine volle Kraft gewinnt. Die älteste Religion ist Ahnen—
kultus, die ältere Gottesverehrung ist stets an das Stammesleben geknüpft, verstärkt den
Stammesgeist, das nationale Sonderdasein. Nachdem die großen Weltreligionen diese
Begrenzung beseitigt, mit ihren Glaubenswahrheiten an alle Menschen und Rassen sich
gewandt hatten, wurde die Glaubens- und Religionsgemeinschaft neben Rasse, Sprache
und Volkstum eines der wichtigsten Bindemittel, um verschiedene Elemente zusammen—
zufassen, große einheitliche Bewußtseins- und Gesittungskreise zu erzeugen. Ganze
Staaten und Staatenwelten bauten sich auf dieser Grundlage auf, und alle anderen
Lebensgebiete wurden von den Gefühlen und Vorstellungen dieser Kreise mehr oder
weniger berührt und beeinflußt. Erst die neuere Geschichte hat mit dem Zurücktreten
des religiösen Geistes Staaten entstehen lassen, die verschiedene Religionen nebeneinander
dulden.“ Es können in freien Staaten nur solche sein, die in den Grundzügen des
Glaubens und der Sittenlehre sich sehr nahe stehen, sonst zerreißt der verschiedene
Glaube die unentbehrliche Einheitlichkeit des Volkstums, ähnlich wie große Rassen- und
Nationalitätsgegenfätze, fowie verschärfte Klassenunterschiede unter Umständen das Leben
einer Nation, eines Staates, einer Volkswirtschaft tödlich bedrohen.
Die wirtschaftlichen Bewußtseinskreise sind ursprünglich mit denen
der Blutsverwandtschaft, der Nachbarschaft, des Stammes identisch. Die gemeinsamen
gleichen Bedürfnisse, die gleichen technischen Kenntnisse und Fertigkeiten bilden den
Grundstock des Gemeinbewußtseins; daneben aber auch die auf sympathischen Gefühlen
beruhenden Familien⸗-, Sippen- und Stammeseinrichtungen wirtschaftlicher Art. Alle
weitere genossenschaftliche oder herrschaftliche Ordnung des Wirtschaftslebens kann nur
Hand in Hand mit der Ausbildung ähnlicher Gefühle und Interessen Leben und Gestalt
gewinnen, muß stets auf gemeinsamen Bewußtseinskreisen sich aufbauen oder solche er—
zeugen. Im Gegensatz hiezu entwickelt sich der Tausch, der Handel, der Geldverkehr
und alles hiemit in der modernen Volkswirtschaft Zusammenhängende an der Hand
individualistischer und egoistischer Triebe, aber doch stets so, daß die Tauschenden, ihren
Sondergewinn suchenden Personen in stärkerer oder schwächerer Weise einen Bewußtseins-
kreis bilden. Gewisse Vorstellungen über die Bedürfnisse, die Brauchbarkeit des zu
Tauschenden, den Wert der Waren und Leistungen, gewisse Regeln, wie man tauscht,
bezahlt, sich während der Geschäfte der Gewaltthaten enthält, müssen ein gemeinsames
Band geschlungen haben, ehe der Verkehr sich entwickeln kann. Wir werden öfter darauf
zurückzukommen haben, wie in dieser Weise die Tauschgesellschaft zwar die Individuen