376
Jahre 1894 von 87 Organisationen nur 20, oder weniger als ein Viertel,
weibliche Mitglieder hatten. Die Frau ist in der Gewerkschaftsbewegung
heimisch geworden, hat hier Bürgerrechte erworben und wird auch als gleich
berechtigt anerkannt. Wie von ihrem ersten Tage an hat die Gewerkschasts-
kommission auch die ganze Zeit über Vertreter der Arbeiterinnen in ihrer
Mitte gezählt.
Im Lerbst 1892 ward von neuem ein Frauen-Bildungsverein
sozialistischer Tendenz ins Leben gerufen. Seine Gründung erfolgte am
24. Oktober 1892 in einer großen Versammlung, die von der Agitations
kommission für Frauen veranstaltet war und August Bebel zum Refe
renten hatte. Der Verein, dessen erste Vorsitzende Frau Leuschner wurde,
entfaltete eine rege Tätigkeit. Er gründete in dem Stadtteil Moabit und in
einigen Vororten (Friedrichsberg, Weißensee) Filialen, hielt in anderen
Wanderversammlungen ab und sorgte für gute Vorträge aus den verschiedenen
Wissensgebieten. Jm März 1893 beschloß der allgemeine Arbeiterinnen
verein, sich mit dem Bildungsverein zu vereinigen, und dieser änderte, um
die Vereinigung möglich zu machen, seine Statuten entsprechend ab. Sein
Vorstand wurde erweitert und der Verein arbeitete noch zwei Jahre ruhig
weiter, als im Frühjahr 1895 die mittlerweile wieder anders abgestimmte
Polizei „auflösend" dazwischen fuhr. Es war die Zeit, wo die Amsturz
vorlage auf der Tagesordnung stand. An die Vereine der männlichen Ar
beiter ging man noch nicht heran, mit denen der Arbeiterinnen glaubte man
kürzeren Prozeß machen zu können. Der scharfe Wind kam damals vom
Westen her, aus den Gebieten der Eisenmagnaten. In Düsseldorf ward
1894 die dortige Frauenagitationskommission für einen Verein erklärt und
aufgelöst, und es stand außer Zweifel, daß man in Berlin dem Beispiel
folgen würde. Ein Teil der Genossinnen war sogar der Ansicht, man solle
die polizeiliche Auflösung gar nicht erst abwarten, sondern, nachdem das
Erkenntnis der Düsseldorfer Richter rechtskräftig geworden war, selbst die
Kommission auflösen und statt ihrer einzelne Vertrauenspersonen wählen.
Das schien aber anderen der Polizei zu weit entgegengekommen, es sei
richtiger, unerschrocken abzuwarten, was die Berliner Polizeigewaltigen tun
würden, und eine große Frauenversammlung, der die Frage vorgelegt wurde,
entschied mit großer Mehrheit in letzterem Sinne. Statt freiwillig abzu-
tteten, veranstaltete die Agitationskommission eine ganze Reihe von Protest
versammlungen gegen die Amsturzvorlage und — ward daraufhin am
19. Februar 1895 richtig von der Polizei für einen „politischen Verein" erklärt
und aufgelöst. Dabei ging es natürlich nicht ohne peinliche Laussuchungen
ab, die auf die leitenden Mitglieder des Bildungsvereins für Frauen
ausgedehnt wurden, und am 30. März 1895 ward der damaligen ersten
Vorsitzenden des Vereins, Frau Anna Mesch, von Polizei wegen
mitgeteilt, daß der Verein für „politisch" befunden und demgemäß auf
Grund des Vereinsgesehes von 1850 aufgelöst sei. So sehr wurde, um
das Verbot möglich zu machen, der Begriff des Politischen gedehnt, daß
eine Erörterung der Frage der Abänderung der Gesindeordnung für
eine politische Erörterung erklärt wurde. And mit Bezug auf die
Agitationskommission wurde wiederum der Begriff „Verein" so gedehnt,
daß es für gleichgültig erklärt wurde, ob die Kommission „Vorsteher, Ordner
oder Leiter" gehabt habe oder nicht, ein Verein könne auch ohne dergleichen