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Erstes Buch. Die Begründer.
mit ihm begonnen hat, und daß es nutzlos sei, hinter ihn zurückzugehen.
Wie sein französischer Übersetzer, Garnier, sagt, bedeutet sein Buch
„eine vollständige Umwälzung der Wissenschaft“ 1 )- Noch heute, ob
gleich uns der „Völkerreichtum“ nicht mehr als eine erschöpfende
wissenschaftliche Abhandlung über Nationalökonomie gilt, bleiben ge -
wisse seiner Grundgedanken unbestreitbar: seine Theorie des Geldes,
die Bedeutung der Arbeitsteilung, die grundsätzliche Rolle der spon
tanen wirtschaftlichen Tatsachen, der beständige Einfluß des persön
lichen Interesses auf das wirtschaftliche Leben, Freiheit als Basis einer
rationellen Wirtschaftspolitik, alle diese Gedanken erscheinen uns als
dauernder Erwerb.
• Die Unvollkommenheiten des Werkes Smith’s werden sich ganz
natürlich aus den folgenden Kapiteln ergeben. Wir brauchen, um die
Darstellung seiner Lehre zu vervollständigen, nur noch auf ihre Verbrei
tung in der Welt einzugehen.
Die rapide Ausbreitung und der unbestrittene Sieg der Gedanken
Smith’s in Europa ist eine der merkwürdigsten Tatsachen in der Ge
schichte der Ideen. Einer seiner Zeitgenossen hat von ihm gesagt:
„Smith wird die jetzige Generation überzeugen und die folgenden be
herrschen“ 2 ). Die Geschichte hat ihm recht gegeben. Es würde aber
übertrieben sein, den Triumph seiner Ideen allein dem Einflüsse seines
Buches zuzuschreiben. Die Ereignisse haben zum großen Teile dabei
mitgewirkt.
Mit Recht stellt Mantoux fest, daß der Krieg in Amerika weit mehr
als die Schriften Smith’s die Hinfälligkeit der alten Wirtschaftspolitik
bewies und ihren Verfall beschleunigte 3 ). Aus dem Abfall der amerika
nischen Kolonien ergaben sich zwei Tatsachen; erstens die Gefahre«
eines Kolonialsystems, das die blühendsten Kolonien zum Aufstand
trieb, und zweitens das Nutzlose des Schutzzollsystems; denn der Güter
austausch zwischen England und den Vereinigten Staaten war sogleieh
nach dem Unabhängigkeitskrieg bedeutender denn je zuvor. „Der Schaden,
den England durch den Verlust seiner nordamerikanischen Kolonien
erlitten hat“, schreibt J.-B. Say im Jahre 1803, „ist ein Gewinn für das
Mutterland gewesen. Einen Zweifel an dieser Tatsache habe ich nirgends
gefunden“ 4 ). Dem amerikanischen Kriege schlossen sich kurz daranl
andere Umstände an: die zwingende Notwendigkeit, Absatzwege zü
finden, in der sich nach Beendigung der napoleonischen Kriege die eng'
0 Vorwort zu der franz. Übersetzung; Ausg. 1821, S. 69. eS
«) j. Rae: Life of A. Smith, S. 103. Übrigens kennt man den Urheber a
berühmten Satzes nicht. , , . „ „ „„ TT .... , . „ „} e ,ich en
3 ) Mantoux, La rövolution industrielle, S- 83. ^Halsyy fuhrt ... a us-
Gedanken in seinem Buch: „La Jeunesse de Bentham -, S. 193 (Paris ’
*) J.-B. Say, TraitS, 1 Ausg., S. 240.