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6. Kap. Die Geschichte der ökonomischen Wissenschaft.
Wenn man es als die Hauptaufgabe der Staatsregierung betrachtet,
möglichst bedeutende Geldmittel zur Verfügung zu haben und ihren Feinden
möglichst stark gerüstet gegenüber zu stehen, so kann man vielleicht zugeben,
daß sich das Mercantilsystem unter den zur Zeit seiner allgemeinen Verbreitung
herrschenden Verhältnissen zur Erreichung dieses Zweckes am förderlichsten erwies.
Das Frankreich Ludwigs XIV. mit seinen Ministern Colbert und Louvois
sowie das Preußen Friedrichs II. sind so recht die Typen eines nach den
Gesichtspunkten des Mercantilsystems eingerichteten Staates.
Die bessere Seite dieses Systems, die übrigens durchaus nichts Neues
bot, ist darin zu suchen, daß man anerkannte, es könne das Privatinteresse
unter Umständen mit dem öffentlichen in Widerspruch stehen, und es sei also
möglich, daß gewisse Leute ihren persönlichen Vortheil auf Kosten des Allgemein
wohls suchten. Das Ziel, welches man vornehmlich verfolgte, war der Macht
besitz, den man von drei Dingen abhängig glaubte: von der Anhäufung
von Schätzen, der Entwicklung der Schiffahrt und dem Vorhandensein einer
zahlreichen Bevölkerung *.
Die folgende Periode, die des wirtschaftlichen Liberalismus, stand
zu der vorhergehenden im grellsten Gegensatze. Die Maximen dieses Systems
wurden nichtsdestoweniger in der ökonomischen Wissenschaft für mehr denn
ein Jahrhundert vorherrschend und übten auch auf die staatliche Gesetzgebung
vielfach den entscheidendsten Einfluß aus, obgleich dieser Liberalismus seinem
1 Die verschiedenen dem Mercantilsystem eigenthümlichen Grundsätze finden sich
bereits bei Jean Bodin, La république. Paris 1586, sol. Systematische Werke int
Sinne dieses Systems sind sodann: A. de Montchrétien, Traicté de l’Économie
Politique dédié au Roy etc. Rouen 1615, in neuer Auflage avec introduction
et notes par Th. Funck-Brentano, Paris 1889; A. Serra, Trattato delle cause,
ehi possono far abbondare li regni d’oro e d’argento, dove non sono miniere.
Napoli 1613; W. F. V. S. (anonyme Bezeichnung Johanns v. Horn eck),
Oesterreich über Alles, wenn es nur will, d. i. wohlmeinender Vorschlag, wie mittelst
^iner wohlbestellten Landesökonomie u. s. w. Leipzig 1654; A. Genovesi, Lezioni di
commercio ossia d’economia civile. Bussano 1769 (in der Sammlung .Scrittori
( lassici Italiani di Economia politica' parte moderna VII—X Milano 1803—1804).
Visier Schriftsteller hat in gewissen Beziehungen, z. B. hinsichtlich des Preises der
^üter und der Bedeutung der Landwirtschaft, bereits ganz die richtigen Anschauungen;
nur überschätzt auch er die Bedeutung der Handelsbilanz. Auch der Spanier Diego
k Saavedra y Faxardo betont in seinen .Empresas políticas o Idea de un
Principe politico christiano, representado en cien empresas' (Monaco 1640; eine
lateinische Ausgabe erschien zu Amsterdam 1659) die Wichtigkeit der Landwirtschaft
^nd erklärt dieselbe als die reichste Quelle des Wohlstandes. In unserem Jahrhundert
bat noch Friedrich List in seinem Werk,Das nationale System der politischen
^kkonomie' (Leipzig 1841) nachzuweisen gesucht, daß sich die Industrie im Vergleich
^ìt der Agrikultur als vortheilhafter erweise. Von einer Ueberschätzung der Bedeutung
or Handelsbilanz hält er sich indessen frei.
Devas-Kämpse, Volkswirtschaftslehre.
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