40
Erpressungstaklik, daß die Erste Kammer „selbstverständlich" von
der Erfüllung ihrer Forderung die Zustimmung zur ganzen
Reform abhängig machen müsse, festgehalten, so mußte der
Monarch vor die Alternative gestellt werden, entweder mit diesem
Ministerium und den zwei Dutzend Standesherren gegen das
gesamte Volk oder mit dem gesamten Volke uud einem neuen
Ministerium gegen die zwei Dutzend Standesherren zu regieren.
Wir zweifeln, ob er sich zum ersteren Weg entschlossen haben
würde. Hätte er aber den letzteren eingeschlagen, so hätte notwendigerweise
mit dem Mittel des Brechens durchgesetzt werden
müssen, was auf den, des Biegens nicht zu erreichen war.
Man müßte verzweifeln an der Menschheit, wenn ein zivilisiertes
Volk, das bis in seine konservativsten Schichten hinein von
der Verderblichkeit einer Einrichtung überzeugt ist, nur aus Respekt
vor einer vermoderten, papierenen Bestimmung diese Einrichtung,
die zu einer Fessel seiner geistigen, politischen und wirtschaftlichen
Fortentwicklung geworden ist, unangetastet lassen müßte. Die
bürgerlichen Parteien aber ängstigen sich vor der Freiheit und
geistigen Selbständigkeit des Volkes und beugen sich deshalb viel
lieber unter das kaudinische Joch, das die Kammer der Standesherren
bei jedem, auch dem kleinsten Reformversuch errichtet, als
daß sie dem Volke die volle politische Freiheit erkämpfen helfen.
Soll nun die Sozialdemokratie die Verantwortung für die volksfeindliche
Politik mit auf sich nehmen? Das wird sie nimmermehr.
Die sozialdemokratische Fraktion hat deshalb nicht nur
den neuen Abs. 2 des Art. 19 aufs entschiedenste bekämpft,
sondern, als derselbe trotzdem von der Mehrheit angenommen
worden war, dem ganzen Einkommenssteuergesetz ihre
Zustimmung versagt.
Die ausgleichende Gerechtigkeit.
Hat sich bei Beratung des Budgetrechts gezeigt, daß die
Mehrheitsparteien nicht den Mut haben, für die Volksfreiheiten
und Volksrechte mit den Mitteln zu kämpfen, die ihnen in die
Hände gegeben sind, so ging aus der Beratung zahlreicher anderer
Einzelfragen hervor, daß zwar die oberen Schichten der liebevollsten
Fürsorge sich erfreuen, daß aber das Klasseninteresse jener
Parteien eine gerechte Berücksichtigung der Forderungen der Arbeiterklasse
nicht zuläßt. Mit welcher rührenden Gewissenhaftigkeit
wurde darüber beraten, daß um keinen Preis ein Krösus, der
bald hier, bald dort einen Wohnsitz nimmt und ans den verschiedensten
Staaten steuerbares Einkommen bezieht, mit keinem