Full text : Durch die Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft

137

V.
Die  Krîcgswîrtschaftsrcchnung  und  ihre  Grenzen.
(1916.)
1.  Einleitung.
Der  Weltkrieg  begann,  ehe  die  Kriegswirtschaftslehre  i)  dem  Ganzen  der
Wirtschaftswissenschaften  eingefügt  worden  war.  Während  eine  reiche  Wirklichkeit ­
  erfaßt  werden  will,  muß  man  die  ersten  Grundlagen  dieses  werdenden
Wissenszweiges  erst  schaffen,  was  um  so  schwieriger  ist,  als  die  neue
Wirtschaftsform  unserer  Tage  auf  die  Begriffswelt  der  gesamten
Wirtschaftswissenschaften  nicht  ohne  Einfluß  bleibt.  Die  Gegenwart  legt,
wie  schon  hervorgehoben  wurde,  eine  stärkere  theoretische  und  geschichtliche
Berücksichtigung  der  Naturalwirtschaft  und  Verwaltungswirtschaft  nahe,  vor
allem  aber  verlangt  die  Naturalrechnung  2)  als  praktische  Forderung
des  Tages  in  Anwendung  auf  Geld-  und  Naturalwirtschaft  eine  systematisch
ausgestaltete  Berücksichtigung.  Die  Naturalrechnung  muß  sich  nicht  darauf
beschränken,  Ausfuhr,  Einfuhr,  Erzeugung,  Verbrauch  und  Vorratsbildung,  sowie ­
  die  Produktivkräfte  mengenmäßig  zu  erfassen,  sie  kann  auch  Aufbau  und
Wirkungsweise  der  Kriegswirtschaft  als  Ursachen  von  Reichtumsveränderungen
betrachten.  Tausende  und  Abertausende  werden  sich  von  den  Vorteilen  und
Nachteilen  des  Krieges  ein  Bild  zu  machen  suchen.  Kann  es  auch  nicht
Sache  der  Wissenschaftler  als  solcher  sein,  in  dem  Kampfe  der  Parteien  die
Bewertungen  zu  beeinflussen,  welche  den  Beurteilungen  zugrunde
liegen,  so  können  doch  die  Tatbestände  einer  Kriegswirtschaftsrechnung,
sowie  die  Grenzen  der  rechnenden  Betrachtungsweise  streng
wissenschaftlich  untersucht  werden.

1)  Ich  konnte  soeben  feststellen,  daß  die  Namen  „Kriegswirtschaft“  und
„Kriegswirtschaftslehre“  schon  vor  einem  Jahrhundert  bestanden  haben,  dann
aber  wieder  vergessen  wurden.  Ein  launiger  Zufall  wollte  es,  daß  der  Autor,
der  damals  das  erste  Buch  über  „Kriegswirtschaftslehre“  herausgab,  ebenso
hieß  wie  jener  Autor,  welcher  das  erste  deutsche  Buch  unter  diesem  Titel
jetzt  veröffentlichte.  Das  1819  in  Erlangen  erschienene  Buch:  „Lehrbuch  der
Kriegswirtschaftslehre  ....  von  C.  M.  Morin  ....  frei  übersetzt,  mit
einer  Einleitung,  berichtigenden  Zusätzen  und  Anmerkungen  versehen  von
Ferdinand  von  Schmid“  beschäftigt  sich  vor  allem  mit  der  Heeresökonomie, ­
  doch  werden  insbesondere  in  den  Darlegungen  Schmids  zahlreiche
kriegswirtschaftliche  Fragen  allgemeinerer  Natur  erörtert  und  auch  einiges
wertvolle  historische  Material  beigebracht.  Ich  gedenke,  auf  dieses  bemerkenswerte ­
  Werk  an  anderer  Stelle  zurückzukommen.
2)  Otto  Neurath,  Die  Naturalwirtschaftslehre  und  die  Naturalrechnung ­
  in  ihren  Beziehungen  zur  Kriegswirtschaftslehre  (Weltwirtsch.  Archiv
Bd.  8,  Heft  2,  S.  245).  Es  wäre  wohl  an  der  Zeit,  eine  Übersicht  über  naturalwirtschaftliche ­
  Vorkommnisse  und  Anschauungen  systematisch  zusammenzustellen, ­
  Fälle,  in  denen  die  Bevölkerung  gewisse  Bedarfsartikel  nur  gegen  Naturallieferungen ­
  erhält  ;  Fälle,  in  denen  Verwaltungsbeamte  gewisse  Erlaubnisse
nur  gewähren,  wenn  die  Ablieferung  von  Naturalien  erfolgt  ;  Fälle,  in  denen
die  Beistellung  von  Verpflegung  und  von  anderen  Naturalien  eine  Forderung
der  Arbeiter  ist  ;  Fälle,  in  denen  im  internationalen  Verkehr  Kompensationen
auf  naturalwirtschaftlicher  Basis  durchgeführt  werden.
            
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