Full text: Durch die Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft

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ganze Völker umfassenden Naturalrechnung zu verwerten. Am meisten haben 
noch Geldtheoretiker sich ihrer zu allgemeinen Zwecken angenommen lo). 
Aber selbst wenn wir die angedeuteten Daten besäßen, würden wir immer 
nur die Sensationsgesamtheiten bestimmter Zeitabschnitte vor uns haben. Es 
würde aber eine Angabe darüber fehlen, in welchem Ausmaß diese Sensationen 
für die Zukunft gesichert erscheinen. Wenn ein großer Jahresertrag an Getreide 
durch übermäßige Ausnutzung des Bodens erreicht wird, so muß das zum 
Ausdruck gebracht werden. Die Sicherung der zukünftigen Sensationen hängt 
vor allem von der Organisation eines Landes ab, aber auch von den produkr 
tiven Kräften. Wenn wir eine bestimmte Organisationsform als konstant vor 
aussetzen, haben wir im Interesse der Reichtumsbeschreibung in erster Reihe 
die produktiven Kräfte und Hemmungen, Wasserkräfte, Maschinen, Arbeits 
kräfte, Bodenkräfte usw. zu erfassen. Aber es fehlt dazu noch die staatliche 
Macht, die Erfindungskraft, die Organisationskraft, die Dummheit, die Trägheit 
und vieles andere. 
Nicht grundsätzliche Erwägungen sind es, welche die zuletzt er 
wähnten Kräfte unberücksichtigt lassen. Es geschieht wohl vorwiegend deshalb, 
weil wir sie nicht genügend abschätzen können. Besäßen wir ein Maß für 
die Erfindungskraft, könnten wir etwa ihre Bedeutung in latenten Pferde 
kräften ausdrücken, wir würden sie sofort genau so in Rechnung stellen, 
wie wir die ungenützte Wasserkraft in einen Wasserkraftkataster aufnehmen. 
Der Staatsmann, welcher handelnd eingreift, der Beob- 
bachter, der die Entwicklung vergleichend abschätzen 
will, müssen all diese Kräfte irgendwie ins Auge fassen. 
Die wirtschaftswissenschaftlichen Darstellungen heben nun im allgemeinen 
viel zu wenig hervor, wie klein und inselhaft innerhalb des gewählten 
Rahmens das Gebiet der Wirtschaftsbetrachtung, der rationalistischen Rech 
nung überhaupt ist. Dies dürfte mit ein Grund sein, weshalb die Märuier 
der Tat den Wirtschaftswissenschaften oft so mißtrauisch gegenüberstehen. 
Sie fühlen instinktiv, daß Tatsachen von gleicher Tragweite und gleichem 
Wirklichkeitscharakter in wirtschaftswissenschaftlichen Darstellungen oft eine 
sehr ungleiche Würdigung erfahren. 
4. Kriegswirtschaftsrechnung und Statistik. 
Die bisherigen Betrachtungen führen uns zu der Forderung nach einem 
Ausbau der Wohlhabenheitsstatistik im weitesten Sinne. Dieselbe würde vor 
allem die Verbrauchsstatistik behandeln müssen, deren Ausgestaltung 
in den letzten Friedensjahren bereits eingesetzt hatte, die aber vor allem durch 
die Notwendigkeiten des Krieges gefordert wurde. Während des Krieges 
ist mancher Beitrag zur Verbrauchsstatistik geliefert worden, wobei auch er 
folgreich mit den Mitteln der Konjunkturalstatistik gearbeitet wurde. Die 
Durchführung solcher Berechnungen setzt voraus, daß man im Interesse der 
Vergleichbarkeit den Altersaufbau der Bevölkerung und manches andere be 
rücksichtigt. Während man auf diese Weise für den Brot-, Fleisch-, Zucker- 
usw. Verbrauch eine Art Kopfquote berechnen kann, die einen guten Sinn 
hat, gilt dies von einer Kopfquote des Eisen-, Kohle- usw. Verbrauchs keines 
wegs in gleicher Weise. Es müßte z. B. schon der Kohlenverbrauch für den 
Haushalt von jenem für die Industrie geschieden werden. Noch bedenklicher 
wird die Berechnung der Kopfquote, wenn Außenhandelsziffern in Frage stehen. 
Vielfach hat man geradezu den Eindruck, daß es manchen schon genug scheine, 
wenn neben die allzuwenig besagende absolute Zahl nur irgendeine 
Verhältniszahl tritt. Auf anderen Gebieten, so etwa, wenn die Säug 
lingssterblichkeit erörtert wird, stellt man viel umfangreichere Betrachtungen 
darüber an, auf welche Weise man eine Verhältniszahl gewinnen will. Als 
ein sehr lehrreiches Beispiel dafür, wie man auf Grund wirtschaftlicher Er 
ic) Vgl. z. B. F. Frhr. v. W i e s e r, Über Messung der Veränderungen des 
Geldwertes (Verhandl. d. Vereins f. Sozialpol. in Wien 1909, S. 546 ff.).
	        
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